Zeitschrift forum geschichtskultur ruhr

Heft 2/26
„Zwischen Kohle und Kreuzchen. Wahlen im Ruhrgebiet“


Liebe Leserinnen und Leser,

das Ruhrgebiet gilt in der historischen und politischen Wahrnehmung oft als Sonderfall. Die Beiträge dieses Heftes werfen einen differenzierten Blick auf das Wahlverhalten und die Demokratiegeschichte des Reviers – von den Brüchen der Zwischenkriegszeit über den Neubeginn 1945 bis hin zu den politischen Verschiebungen der Gegenwart.

Stefan Goch zeichnet nach, wie es der NSDAP trotz der spezifischen Sozialstruktur in den Revierstädten ab Mitte der 1920er Jahre gelang, feste Strukturen zu etablieren. Angetrieben von Propaganda, Medien und Massenelend, wurden die Faschisten im Juli 1932 auch hier zur stärksten Kraft. Warum Hunderttausende schon 1933 schnell ihre Hoffnung in die Diktatur setzten, wirft bis heute Fragen auf.

Uta C. Schmidt schaut auf die Partizipation von Frauen bei der 1. demokratischen Wahl im Jahr 1919 zurück. Deren kommunale Gestaltungskraft blieb in der Weimarer Republik auf den sozialen und karitativen politischen Raum beschränkt. Und bereits in den 1920er Jahren kam es zu heftigen Protesten von Frauenverbänden gegen die strukturelle Unterrepräsentanz auf den Wahllisten.

Daniel Schmidt untersucht die von der britischen Militärregierung 1946 eingeführte kommunale Doppelspitze aus ehrenamtlichem Oberbürgermeister und hauptamtlichem Oberstadtdirektor, was Sachkompetenz mit politischer Legitimation vereinte, jedoch zu permanenten Kompetenzstreitigkeiten führte. Dennoch bewährte sich diese Struktur und bewältigte die enormen infrastrukturellen Herausforderungen des Wiederaufbaus.

Diese Nachkriegsordnung stand, so zeigt mein Beitrag, zudem unter besonderen demografischen Vorzeichen: einem extremen „Männermangel“. Angesichts einer Frauenmehrheit mussten die Parteien weibliche Wählerinnen neu adressieren. Favorisierten diese anfänglich die CDU, begann dies mit der dritten Kommunalwahl in NRW 1952 zu kippen.

Rainer Bovermanns Wahlanalyse gliedert die Geschichte der Ruhr-SPD von 1947 bis 2022 in vier Phasen: vom Nachkriegsaufstieg zur führenden Partei im Ruhrgebiet, über die 1960er/80er Jahre und den anschließenden Niedergang bis zur aktuellen Krise. Ob bei der Landtagswahl 2027 aus der ehemaligen SPD-Herzkammer eine AfD-Hochburg wird, hängt wesentlich von der Mobilisierung der Nichtwähler*innen ab.

Caner Tekin konzentriert sich auf die Wahlen zum 1. Duisburger Ausländerbeirat im Dezember 1985, die zwar Legitimation brachten, indes kaum Macht. Auch wenn die begrenzten Befugnisse viele Erwartungen enttäuschten, wurden darüber Dialogstrukturen zwischen migrantischen Selbstorganisationen und den Kommunalverwaltungen aufgebaut.

Karsten Rudolph skizziert den ökonomischen und soziokulturellen Hintergrund der politischen Veränderungen im Ruhrgebiet seit den 1960 Jahren. Wenn auch Milliardenhilfen von Bund und EU das Revier zum Vorbild für geglückten Strukturwandel werden ließen, ist die Region bis heute eine Ausnahmeerscheinung, die mit überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit kämpft und zukunftsweisender Impulse bedarf.

Dieses Heft zeigt: Politische Landschaften sind nicht in Stein gemeißelt, sondern das Ergebnis historischer Prozesse und des Engagements von vielen. Neben den Schwerpunkttexten erwarten Sie wie gewohnt zahlreiche Beiträge, Hinweise und Tipps, die darauf warten, von Ihnen gelesen zu werden.

Herzliche Grüße
Susanne Abeck

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