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Neuerscheinung
Postkolonialismus in Westfalen-Lippe und darüber hinaus
Westfalen-Lippe und darüber hinaus (Westfälischen Forschungen Band IX).
Aschendorff Verlag, Münster 2026, 522 Seiten, ISBN 978-3-402-15415-1,
69,90 Euro*
In Münster wird ein Denkmal verhüllt. In Hagen wird um die Präsentation
eines Fensters gerungen. Und im Ruhrgebiet entzünden sich Debatten an
Straßennamen, Statuen und Ausstellungen. Postkoloniale Debatten
beschränken sich nicht nur auf den akademischen „Elfenbeinturm“. Auch
die unmittelbare Nachbarschaft gibt oft genug Anlass zum Nachdenken: In
Westfalen-Lippe gibt es zahlreiche Beispiele, wie und wo sich das
koloniale Erbe Deutschlands manifestiert. Der Landschaftsverband
Westfalen-Lippe (LWL) hat dazu jetzt den Band „Postkolonialismus in
Westfalen-Lippe und darüber hinaus“ herausgegeben.
2024 startete die LWL-Kulturstiftung das Themenjahr POWR. Eines der 22
geförderten Projekte war die Veranstaltungsreihe „Postkolonial vor Ort“,
initiiert von Dr. Claudia Kemper und Dr. Christoph Lorke vom
LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte. „Zu den fünf Terminen
kamen derart viele spannende Impulse, dass wir das Thema nicht einfach
wieder fallen lassen wollten“, sagt Kemper. Und somit widmet sich die
neueste Ausgabe der Westfälischen Forschungen, der Fachzeitschrift des
LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte, dem
„Postkolonialismus in Westfalen-Lippe und darüber hinaus“. 37
Autor:innen richten in 25 Beiträgen ihren Blick auf verschiedene
Facetten der Debatte. Kern des Schwerpunkts sind 14 Werkstattberichte
über zivilgesellschaftliche, wissenschaftliche oder kommunale Projekte
in Münster, Gütersloh, Bielefeld, Paderborn, Detmold, dem
LWL-Freilichtmuseum Hagen, Dortmund, Chemnitz, Bamako, Düsseldorf und
Köln. Die vorgestellten Projekte erreichten nicht nur Fachpublikum,
sondern auch Schulklassen und zivilgesellschaftliche Akteur:innen. Die
Werkstattberichte werden gerahmt von theoretischen und auch auf die
Zukunft gerichteten Beiträgen. Stadtrundgänge, Ausstellungen, Workshops
oder ein Festival sind ebenso Themen wie Comics und KI.
Anker ist hierbei stets die Perspektive auf die Region. So die wird die
Verzahnung von Forschung und gesellschaftlichem Engagement deutlich.
Beiträge aus Wissenschaft und Praxis stehen nebeneinander und eröffnen
unterschiedliche Perspektiven auf ein gemeinsames Thema. Diese Vielfalt
will sichtbar machen, wie breit die Auseinandersetzung inzwischen
geführt wird – und wie wichtig es ist, verschiedene Stimmen
einzubeziehen, um koloniale Verflechtungen in ihrer ganzen Komplexität
zu verstehen.
„Dieser Band zeigt sehr gut, wie Forschung und Zivilgesellschaft
zusammenarbeiten können und sich gegenseitig befruchten“, sagt Dr.
Mareen Heying, geschäftsführedne Redakteurin der Reihe. „Einige Beiträge
stammen von Autor:innen außerhalb der klassischen Wissenschaft. Ihre
Stimmen werden durch die Westfälischen Forschungen einem
wissenschaftlichen Publikum eröffnet. Die Breite der Auseinandersetzung
um Postkolonialismus wird durch die Interdisziplinarität der Ausgabe
deutlich, ebenso die Bedeutung, viele Perspektiven aufzumachen, um ein
Thema in Gänze zu greifen.“ Zugleich zeige sich: Auch in der
Bildungsarbeit habe sich viel verändert. Während koloniale Geschichte
lange ein Randthema gewesen sei, stehe sie heute stärker im Fokus – mit
neuen Materialien, Ansätzen und Diskussionen. Der Band liefere dafür
wichtige Impulse und mache aktuelle Entwicklungen greifbar.
„Die Aufarbeitung kolonialer Spuren ist keine rein historische Frage,
sondern berührt zahlreiche aktuelle gesellschaftliche
Aushandlungsprozesse. Der vorliegende Band nimmt diese Herausforderungen
auf und schlägt einen Bogen von der Kolonialgeschichte bis zur Gegenwart
einer postmigrantischen Gesellschaft, in der sich die
erinnerungspolitischen Deutungshoheiten und Identitätsbezüge weiter
wandeln werden“, so die Herausgeber:innen in ihrer Einleitung. „Wir
wollten zeigen, dass Postkolonialismus nicht abstrakt ist, sondern ganz
konkret vor unserer Haustür ausgehandelt wird“, erklärt Lorke.