| Rezension
Lotfi, Gabriele: KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich. Mit einem Vorwort von Hans Mommsen. Stuttgart / München: Deutsche Verlags-Anstalt 2000, 452 Seiten Rezensiert von Michael Zimmermann, Essen. In: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, H. 1, S. 75f Es ist gar nicht so leicht, für das „Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur“ Gabriele Lotfis herausragendes Buch zu rezensieren. Denn sie selbst hat ihre zentralen Überlegungen schon in äußerst konziser Weise für das Heft 1/2000 dieser Zeitschrift zusammengefaßt. Wenn man dem überhaupt etwas hinzufügen kann, dann vielleicht dies: Der Band „KZ der Gestapo“ füllt eine wesentliche Forschungslücke, da er einen bislang wenig beachteten, historisch gleichwohl außerordentlich wichtigen Sektor des nationalsozialistischen Zwangssystems darstellt. Gabriele Lotfi bilanziert, daß die Zahl der in „Arbeitserziehungslagern“ (AEL) Inhaftierten von etwa 2.000 im Mai 1941 auf mindestens 40.000 gegen Kriegsende anwuchs. Insgesamt schätzt sie, daß während des Krieges mehrere hunderttausend Menschen, mehrheitlich ausländische Arbeiter, dieser im Lageralltag von einem KZ kaum unterscheidbaren Haftform unterworfen wurden. Gabriele Lotfis Buch trägt außerdem - parallel zur neueren Forschung über die nationalsozialistische Juden- und Zigeunerverfolgung, zum Konzentrationslagersystem und zur deutschen Besatzungspolitik - in forschungsstrategischer Hinsicht erheblich dazu bei, unser Bild der nationalsozialistischen Herrschaft und des ihr immanenten Terrors zu verändern. Erstens zeigt die Autorin, daß die Vorstellung, der Nationalsozialismus sei ein strikt hierarchisches, von oben nach unten ausgerichtetes Machtgefüge gewesen, zu simpel und in gewisser Weise auch apologetisch ist. Für die AEL jedenfalls war es eher umgekehrt: Diese zwischen Polizeigefängnis und Konzentrationslager angesiedelte Einrichtung basierte nämlich nicht auf zentralen Planungen des Reichssicherheitshauptamtes oder einem Befehl Himmlers, sie ging vielmehr auf die Eigeninitiative regionaler Instanzen zurück, die erst im nachhinein von der SS-Führung für das Reich als ganzes übernommen wurden. Hier verliefen die Entscheidungsprozesse primär von unten nach oben, von der Region zur Zentrale. Himmler selbst bevorzugte eben nicht die AEL, sondern das zentralisierte, durch den Inspekteur der Konzentrationslager seiner direkten Kontrolle unterstehende KZ-System. Er vermochte sich aber innerhalb seiner SS- und Polizeihierarchie jedoch nicht immer gegen die Machtvollkommenheit regionaler Stapostellen und deren Verbündeter in Unternehmen und Kommunen durchzusetzen. Zentrale Erlasse wurden von den Stapostellen manchmal schlicht ignoriert; teilweise waren diese Anweisungen zudem so widersprüchlich und unklar, daß die Polizeiinstanzen vor Ort sie jeweils in ihrem Sinne ausdeuten konnten. „Der polizeiliche Terror“, faßt Gabriele Lotfi diese Konstellation zusammen, „entfaltete sich als Gemisch aus ungezügelter regionaler Willkür von unten und gelenkter Aktion von oben.“ Zweitens wendet sich das Buch, analog zur gegenwärtigen Diskussion um die Zwangsarbeit in der NS-Kriegswirtschaft, dem in jüngeren Forschungen kaum noch beachteten Verhältnis von Nationalsozialismus und Kapitalismus bzw. hier konkret den recht engen Beziehungen zwischen Gestapo und Wirtschaftsunternehmen bei der Zwangsdisziplinierung von Arbeitskräften zu. Gabriele Lotfi spricht hier zurecht von einer Allianz zwischen regionaler Gestapo, Betriebsführern und kommunalen Einrichtungen. Es waren deren teils gemeinsame, teils parallele Initiativen, welche die AEL als neues, flexibles Zwangsmittel zwischen einer angeblich zu wenig abschreckenden Polizeihaft und der unbefristeten, als kurzfristiges Disziplinierungsmittel ebenfalls abgelehnten KZ-Haft erst entstehen ließen. Die Allianzpartner der Gestapo in Rüstungswirtschaft und Kommunen gingen in der letzten Kriegsphase sogar soweit, Lagerführung, Bewachung und Arbeitseinsatz der Häftlinge im Auftrag der Gestapo selbständig und mit eigenem Personal zu organisieren. Das führt zum dritten Punkt, in dem der Band „KZ der Gestapo“ eingefahrene Vorstellungen vom Nationalsozialismus infragestellt. Im Gegensatz zu Nachkriegsapologien, die Polizeibeamte vor Ort als bloße Befehlsempfänger darstellten, förderte und forderte das NS-Regime im Rahmen seiner ideologischen und politischen Vorgaben insbesondere während des Krieges die Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit auch unterer Polizeiangehöriger. Die Beteiligung der Ordnungspolizei, der Arbeitsämter, der NSDAP, des unternehmerischen Werkschutzes, bisweilen sogar der Wach- und Schließgesellschaften an der Aufsicht und Kontrolle der „Arbeitserziehungslager“ läßt die völlige Reduktion des Terrors auf SS und Gestapo obsolet erscheinen. Offenbar reichte nicht nur der Konsens zum „Führerstaat“, sondern auch die aktive Mitarbeit an dessen Unterdrückungssystem tiefer in die deutsche Gesellschaft als bisher angenommen.
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