Rezension

Wie sollen wir vor Gott und unserem Volk bestehen? Der politische und soziale Katholizismus im Ruhrgebiet 1927-1949, hrsg. v. Vera Bücker, Bernhard Nadorf u. Markus Potthoff, Münster / Hamburg / London 1999 (Arbeitsbücher für Schule und Bildungsarbeit. Herausgegeben von Vera Bücker, Bernhard Nadorf und Markus Potthoff. Band 1)

Rezensiert von Michael Zimmermann, Essen. In: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, H. 1, S. 77f

Für nicht wenige politische Linke meiner Generation war es nachgerade Ehrensache, aus der Kirche auszutreten, zumal wenn es die katholische war, und dem Thema „Religion“ in jeder Hinsicht, selbstverständlich auch wissenschaftlich, die kalte Schulter zu zeigen. Letzteres zumindest war ein Fehler - den aber nicht erst meine Generation von Historikern machte. „Religiöse Probleme stehen außerhalb des Blickfeldes der meisten Historiker, die sich in Deutschland mit dem 19. und 20. Jahrhundert befassen, soweit sie nicht kirchenkonfessionell besonders gebunden sind“, merkte dazu Wolfgang Schieder 1987 in seinem grundlegenden Aufsatz „Religion in der Sozialgeschichte“ völlig richtig an.

An diesem von Schieder kritisierten, die historische Bedeutung der Religion nicht nur zu Unrecht, sondern auch ungerechterweise ausblendenden Desinteresse hat sich bis heute, zumal mit Blick auf die Regionalgeschichte des Ruhrgebiets, nicht sehr viel geändert. Das von Vera Bücker, Bernhard Nadorf und Markus Potthoff sorgfältig edierte und eingeleitete Buch vermag hier ein wenig Abhilfe zu schaffen, zumal es als Quellensammlung angelegt ist und die Leser so zu einer sehr lehrreichen Übung anregt: Sie können sich hier ebenso intensiv wie ausführlich mit kirchlichen, religiösen und religionspolitischen Argumentationsmustern aus dem zeitgeschichtlichen deutschen Katholizismus auseinandersetzen. Das ist für die meisten inzwischen eine ganz fremde Welt. Die Bedeutung dieses Quellenbandes reicht insofern erheblich über das engere Thema des Buches - den regionalen politischen und sozialen Katholizismus zwischen den 1920er und 1940er Jahren - hinaus.

Den Ausgangspunkt der vorliegenden Quellensammlung bildet die Lebensgeschichte des Journalisten und Widerstandskämpfers Nikolaus Groß, der als Angehöriger der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) mit dem Kreisauer Kreis und der Widerstandsgruppe um Carl Goerdeler in Verbindung stand. „Wenn wir heute nicht unser Leben einsetzen, wie sollen wir dann vor Gott und unserem Volk einmal bestehen?“ Diese Frage, die in die Titelzeile des Buches eingegangen ist, stammt von Nikolaus Groß. Er stellte sie am 19. Juli 1944, dem Vorabend des Attentats auf Hitler, in einem Gespräch mit Caspar Schulte, dem Diözesanpräses der KAB Paderborn. Nikolaus Groß wurde am 12. August 1944 verhaftet, am 15. Januar 1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 hingerichtet.

Das Buch selbst umfaßt zunächst eine Einführung mit didaktisch-methodischen Überlegungen, einer Auswahlbibliographie, einem Lebensbild von Nikolaus Groß und einer sehr instruktiven, von Vera Bücker verfaßten Hintergrundskizze zur Geschichte des politischen und sozialen Katholizismus. Im zweiten Teil des Buches werden dann 125 Quellen vorgestellt und mit Arbeitsaufgaben für den Unterricht verbunden. Diese historischen Materialien sind in die Kapitel „Der politische und soziale Katholizismus von 1927/28 bis März 1933“, „Zwischen Widerstand und Anpassung: Der Katholizismus in der Zeit von 1933 bis 1945“ und „Das Erbe des deutschen katholischen Widerstandes und der politische Neuaufbau nach 1945“ untergliedert.

Was den Leser in diesen Kapiteln im einzelnen an Fragestellungen erwartet, sei hier am Kapitel „Anpassung und Widerstand“ kuez erläutert. Es umfaßt Quellen zu folgenden Themenbereichen: NS-Totalitätsanspruch und katholischer Selbstbehauptungswille, Auseinandersetzung mit der NS-Ideologie, Konsequenzen der NS-Ideologie (Judenverfolgung / Schule und Unterricht als Instrument nationalsozialistischer Indoktrination / Euthanasie am Beispiel des Essener Franz-Sales-Hauses), Differenzen im Episkopat, Der Kölner Kreis - ein Beispiel politischen Widerstands und „Gegen das Vergessen“ -Lebensbilder von Priestern und Laien im Widerstand.

Der dritte Teil des Buches enthält religiös und ethisch fundierte Überlegungen zu einem projektbezogenen und handlungsorientierenden Unterricht und beschäftigt sich mit Fragen der Erinnerungskultur, mit christlicher Weltverantwortung, mit dem Thema „Schutz des menschlichen Lebens“, mit Menschenrechtsfragen und der Auseinandersetzung mit dem Neonazismus, schließlich mit der Problematik von Erinnerung und Versöhnung. Ein Verzeichnis von Gedenkstätten im Bereich des Bistums Essen und eine Zeittafel komplettieren den - nicht nur für den Schulunterricht - anregenden Band.

 

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