Rezension

Schanetzky, Tim: Endstation Größenwahn. Die Geschichte der Stadtsanierung in Essen-Steele, Essen: Klartext 1998

Rezensiert von Michael Zimmermann, Essen

Die Probleme des Wohnungsbaus und der Stadtsanierung werden die kommunalpolitische Diskussion der Zukunft in neuer Intensität bestimmen. In manchen Ruhrgebiets-Gemeinden zeigen Bürgerbegehren und Inititativen bereits heute an, daß viele Betroffene nicht gewillt sind, die Stadtplanung einer bevormundenden und bisweilen auch korrupten Politik und Verwaltung oder den Großinvestoren allein zu überlassen.

Es geht in der Tat um wichtige Probleme: Sollen Wohnungsbaugenossenschaften und sozialer Wohnungsbau vollends dem kapitalistischen Marktprinzip geopfert werden? Was heißt bürgernahe Stadtplanung konkret, und welche Formen der Mitbestimmung und Kontrolle sind hier möglich und sinnvoll? Welche Folgerungen sind aus dem Schrumpfen der Einwohnerzahlen und aus der sozialen Polarisierung in den Städten zu ziehen? Was bedeutet die steigende Zahl der Ein-Personen-Haushalte für das künftige Wohnen in der Stadt? Welche Rolle wird den Innenstädten zukommen können? Und welche Konsequenzen hat die dramatische Krise der Erwerbsarbeit für den Grundsatz der räumlichen und zeitlichen Trennung von Wohnen und Arbeiten, der seit Jahrzehnten Stadtplanung und Wohnungsbau bestimmt?

Von einem Buch über die Geschichte einer Stadtteilsanierung wird man gewiß keine Antworten auf derartige Zukunftsfragen erwarten dürfen. Wenn ein solches Buch das Ergebnis präziser und umfassender Recherche sowie einer ebenso unbestechlichen wie bestechenden Analyse ist, kann es jedoch die Strukturen der Stadtplanung durchschaubarer machen. Dann liefert es den Lesern nicht nur Historisches an die Hand, es gibt ihnen darüber hinaus Impulse, die ihren Eigen-Sinn, ihr Mißtrauen gegen autoritäre Lösungen und ihre Klugheit in künftigen Planungsprozessen fördern mögen. Ein solches Buch hat Tim Schanetzky geschrieben.

"Endstation Größenwahn" befaßt sich mit der Stadtsanierung in Essen-Steele von den späten 50er bis in die 80er Jahre. Sicher ist manche Einzelheit gerade für Leser aus Essen, zumal aus Essen-Steele interessant. Es lohnt sich aber auch für Nicht-Essener, nicht nur den Passagen über den allgemeinen Gang dieser Sanierung, sondern auch den Details zu folgen. Liest man "Endstation Größenwahn" nämlich als eine Art Lehrstück, müssen gerade die Nuancen dieser Sanierungsgeschichte zu denken geben.

Flächensanierung und Fortschrittsparadigma

Die Kriegszerstörungen sowie der Zuzug von Flüchtlingen, Vertriebenen und bald von Arbeitsmigranten aus Südeuropa hatten auch in Essen erhebliche Wohnungsnot zur Folge. Für den Osten der Stadt reagierte man darauf, wie der Autor darlegt, mit einem großangelegten Neubauprogramm, dem "Entwicklungplan Oststadt". Auf der grünen Wiese wurden in den sechziger und siebziger Jahren vier Retortenviertel errichtet, die infolge ihrer Hochhausbauweise und mangelnder Infrastruktur inzwischen zu Armutsquartieren geworden sind.

Der "Entwicklungplan Oststadt" seinerseits bot den kommunalen Planern einen Anlaß, auch den Stadtteil Steele einer radikalen Flächensanierung zu unterwerfen. Steele selbst hatte eine über Jahrzehnte gewachsene Struktur, in der Geschäfts- und Wohnhäuser aus der Gründerzeit und kleine bergische Fachwerkhäuser dominierten. Entsprechend der schematischen Gliederung einer Großstadt in Zentrum, Mittelzentren und Unterzentren sollte das Viertel nun aber zum Mittelzentrum für die Oststadt werden. Angesichts des prognostizierten neuen Einzugsbereichs und angesichts steigender Verkehrsbelastung ergab das die folgende Planungsperspektive: Kaufhausbau und Erweiterung des Einzelhandels; die Anlage eines Umsteigeknotenpunktes für den öffentlichen Nahverkehr; Fußgängerzonen und die Herausnahme der Straßenbahn aus der Altstadt; Entmischung der Verkehrsarten mit absolutem Vorrang für den Autoverkehr; den Bau von Parkflächen und eines Rings aus vierspurigen Umgehungsstraßen.

Die Steeler Altstadt war den Essener Stadtplanern der 50er und 60er Jahre ohnehin ein Dorn im Auge. Die in der Charta von Athen verkündete strikte Trennung des städtischen Lebens in Wohn- und Arbeitsbereiche war dort nicht verwirklicht. Ebensowenig entsprach die Steeler Bausubstanz den Modernitäts- und Machbarkeitvorstellungen der Wirtschaftswunder-Gesellschaft. Steele wurde als "überalterter Stadtbereich" und als "rückständiges Viertel" etikettiert, dessen Zukunft allein im möglichst umfassenden Abriß des Alten liege. Faktisch konnte jedoch - wie Tim Schanetzky nachweist - von einem allgemeinen Notstandsgebiet keine Rede sein; der übergroße Teil des per Sanierung zerstörten Gebäudebestands wäre durch behutsame Modernisierung unschwer zu retten gewesen.

Wartestand und Wertewandel

Die Flächensanierung wurde gleichwohl beschlossen. Da die überforderte und zerstrittene Essener Bauverwaltung jedoch ihre Zeitpläne nicht einhielt, war Steele seit dem Ende der 60er Jahre ein Viertel im Wartestand. Die Bausubstanz litt, die Bevölkerungszahl sank, ihre soziale Zusammensetzung veränderte sich. Das 1972 im Sanierungsgebiet angesiedelte Kaufhaus Wertheim schloß nach nur sieben Jahren die Pforten: Die Prognosen zum Kaufkraftpotential der "Oststadt", die in erheblichem Maße zur Legitimation der Sanierung hatten herhalten müssen, entbehrten, wie sich jetzt zeigte, jeglichen empirischen Rückhalts.

Zugleich kamen gegenläufige städtebauliche Leitbilder auf. Angesichts der Verödung der Innenstädte, der extensiven Zunahme des Autoverkehrs und eines wachsenden Umwelt- und Geschichtsbewußtseins setzten aufgeschlossene Planer nun die behutsame Erneuerung der Substanz an die Stelle der Flächensanierung. In Steele war es aber wohl weniger dieser Wertewandel, der zur Aufgabe zentraler Planungselemente nötigte, als vielmehr die nicht bedachte Explosion der kommunalen Baukosten.

Tim Schanetzkys Resümee‚ der von Modernitäts- und Größenwahn - und vielleicht auch von tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplexen - bestimmten Steeler Sanierung: Einzelne funktionale und wirtschaftliche Erfolge sind durchaus zu verzeichnen, außerdem ist Steele wieder ein lebendiger Stadtteil mit gemischter Sozialstruktur. Die Nachteile überwiegen aber bei weitem. So wurden in enormem Umfang städtische Ressourcen verschwendet. Die Flächensanierung führte zudem zu erheblichen, gerade sozialen Belastungen der Bürger. Darüber hinaus schlagen ästhetische Gesichtspunkte negativ zu Buche. Insgesamt wurde ein traditionsreiches Stadtviertel mit gewachsenen Quartieren fragwürdigen und bald überholten Vorstellungen modernen Städtebaus geopfert.

Die Steeler Flächensanierung lag in einem Essener Trend, der auch die Sanierungsprojekte in anderen Stadtteilen bestimmte. Dieser Trend war jedoch, wie der Autor am Beispiel Hattingens zeigt, nicht ohne Alternativen. Bei der dort 1966 eingeleiteten Sanierung wurde nämlich die Altstadt erhalten. Man plante im Gegensatz zu Steele flexibel, bot Investitionsanreize für die Alteigentümer und schonte die vorhandene Bausubstanz. Der Hintergrund war, so vermutet Schanetzky, vielleicht der, daß sich die Hattinger Bauverwaltung angesichts ihrer geringen Größe von einer Stadtsanierung in Eigenregie überfordert sah und deshalb Bürger und externe Fachleute einbezog.

Verwaltung und Filz

Die Rolle, welche die Essener Stadtverwaltung und die mit ihr verfilzte sozialdemokratische Politik spielte, bewertet Schanetzky wohl zurecht als das düsterste Kapitel der Steeler Flächensanierung. Die SPD-Ratsfraktion und mit ihr der Rat der Stadt Essen folgte durchweg den im Vorfeld abgestimmten Verwaltungsvorlagen, wobei die Sachkompetenz der meisten Ratsmitglieder für eine wirkliche Kontrolle der Bauplanung nicht ausreichte. Faktisch beschränkten sich die im Rat vertretenen Parteien auf die Absegnung und nachträgliche Legitimation vorgefällter Entscheidungen.

Der zentrale Interessengegensatz im Sanierungsgebiet war jener zwischen den Alteigentümern mit ihren kleineren Investitionen zur Erhaltung, Modernisierung und vereinzelt zum Neubau einerseits und den Großinvestoren andererseits. Stadtverwaltung und Rat nahmen in allen wesentlichen Fragen Partei für letztere. Zumindest in zwei Fällen lag dabei der Verdacht der Korruption nahe. Erstens kaufte der Recklinghäuser Bauunternehmer Kufus gezielt an einer Stelle, für die in den städtischen Planungen eine Kaufhausinvestion vorgesehen war. Der Grundstücksausschuß des Rates und der zuständige Dezernent ergriffen keinerlei Gegenmaßnahmen, was auf geheime Absprachen, wenn nicht auf Vorteilnahme schließen läßt. Zweitens baute das lokale Möbelhaus Kröger sieben statt der genehmigten sechs Etagen. Nachdem dann die Akte des Essener Rechtsamtes "Rechtsstreit Stadt Essen/Josef Kröger", wie verlautbart wurde, "im Geschäftsgang verlorengegangen" war, wurde dieser Rechtsbruch legalisiert.

Die 1975 auch für Steele eingerichtete Bezirksvertretung konnte und wollte der Koalition aus Verwaltung, Großinvestoren und Rat nur wenig entgegensetzen. Zum einen fielen lediglich ortsunmittelbare Angelegenheiten in ihre Zuständigkeit; die Definition dessen, was von gesamtstädtischer Relevanz sei, oblag und obliegt dem Rat. Zum anderen galten die Bezirksvertretungen den Parteien als Nachwuchsreservoir für kommende und als Altenteil für abgelöste Ratsmitglieder, so daß diese Einrichtung weithin ein Transmissionsriemen des Rates im Stadtteil war und nur sehr begrenzt lokalen Steeler Interessen nutzen konnte.

Im Stadtteil selbst waren es mit der Steeler Bürgerschaft und dem Werbering fast nur Einzelhandelsvertreter, die ihre Interessen öffentlich artikulierten. Eine direkte Bürgerbeteiligung in Gestalt eines Sanierungsbeirates und gemäß den Vorschriften der 1976er Novelle des Bundesbaugesetzes waren der Stadtverwaltung unangenehm. Sie entsprach zwar den gesetzlichen Minimalanforderungen, füllte sie jedoch nicht mit Leben. Eine offene Diskussion der Baupläne im Stadtteil gab es ebensowenig wie die Ausschreibung eines Ideenwettbewerbs.

Mit Beteiligungsformen wie dem community planing-Verfahren, mit der Möglichkeit, nach dem Fortfall der Fünf-Prozent-Klausel auch als Bürgerinitiative Mandate in Rat und Bezirksvertretungen anzustreben, mit Bürgerbegehren und Bürgerentscheid sind die Chancen für eine demokratische Mitbestimmung im Städtebau inzwischen erheblich gewachsen. Insofern wäre eine Flächensanierung wie diejenige in Steele heute wohl nicht mehr so leicht durchzusetzen. Eine Sicherheit für bürgernahe Stadtplanung gibt es aber nicht. Vor allem wenn Stadtverwaltungen, Mehrheitsfraktionen im Rat und Großinvestoren auf klandestine Weise ein Bauprojekt durchzusetzen suchen, sollten - das zeigt Tim Schanetzkys "Endstation Größenwahn" - bei den Bürgern alle Alarmglocken schrillen.

In: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 1999, Nr. 2, S. 54f

 

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