| Rezension
Kosok, Lisa / Rahner, Stefan (Hg.): Industrie und Fotografie. Sammlungen in Hamburger Unternehmensarchiven, Hamburg: Dölling und Gallitz Verlag 1999 (ISBN 3-933374-39-1) Rezensiert von Burkhard Zeppenfeld, Dortmund. In: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, H. 1, S. 74f Bereits seit längerer Zeit ist die Industriefotografie Gegenstand der Forschung. Sie bietet ein besonders lohnendes Feld für Museen. Hier sind im Ruhrgebiet insbesondere die Industriemuseen und das Ruhrlandmuseum mit ihren Ausstellungen zu nennen, aber auch andere Häuser und Institutionen haben sich dem Thema gewidmet. Erinnert sei hier nur an das Buch „Bilder von Krupp. Fotografie und Geschichte im Industriezeitalter“ von 1994, mit dem die Bestände an historischer Fotografie im Krupp-Archiv wissenschaftlich gewürdigt und aufgearbeitet wurden, sowie an das Buch „Industriefotografie. Aus Firmenarchiven des Ruhrgebiets“ von Reinhard Matz von 1987. Beide Bücher werden im anzuzeigenden Buch als richtungsweisende Arbeiten aus dem Ruhrgebiet erwähnt. Das Interesse an Industriefotografie hält unvermindert an. Der Katalog „Industrie und Fotografie. Sammlungen in Hamburger Unternehmensarchiven“ begleitete eine gleichnamige Sonderausstellung vom 3. Juli bis 12. September 1999 im Museum der Arbeit in Hamburg, die im Rahmen der Trienale der Fotografie stattfand. Die Ausstellung war Teil eines größeren von der Zeit-Stiftung geförderten Forschungs- und Archivprojektes, das die fotografischen Bestände von Hamburger Firmen digital erschließen und somit auch vor dem endgültigen Verlust bewahren will. Gleichzeitig sollte mit dieser Ausstellung auch das bekannte Bild Hamburgs als Hafen- und Werftstadt ergänzt werden um Bilder aus der facettenreichen Hamburger Industrie. So wurden in Ausstellung und Katalog Fotos aus den Beständen folgender Hamburger Firmen präsentiert: Beiersdorf AG, Hauni-Maschinenbaufabrik Körber AG, Deutsche Unilever GmbH, Holsten-Brauerei AG, Koch-Aufzüge, Gustav Ad. Koch Maschinenfabrik KG, Montblanc Deutschland GmbH, Norddeutsche Affinerie AG, Oelmühle Hamburg AG, Phoenix AG, Firma G. & A. Repsold, Rofin-Sinar Laser GmbH, Theodor Zeise GmbH & Co. Die Ausstellung der Industriefotografien aus Hamburger Sammlungen wollte drei Aspekte hervorheben: Erstens werden die Fotografien verstanden als gewollte Präsentation der Firmen- oder der technischen Entwicklung, zweitens als Beispiele der Entwicklung der Gebrauchs- und Berufsfotografie und damit als Grundlage einer Typologie der Industriefotografie und drittens als Quellen zur Industriegeschichte. Als Fragestellung lag der Ausstellung zugrunde „wie Unternehmen Fotografie nutzten, wie sie sie einsetzten, um sich, ihre Arbeit, ihre Leistungsfähigkeit und ihre Produkte sowohl nach innen als auch nach außen ins Bild zu setzen. Die Verwendung der Fotografie in einem bestimmten Gebrauchszusammenhang und ihre hierfür entwickelten Regeln stehen dabei im Vordergrund der Betrachtung: Welche Motive und Bildtraditionen werden bemüht, welche Auswahlkriterien werden angewendet, um ein zeitgemäßes Bild von industrieller Leistungsfähigkeit und Unternehmenskultur zu erzeugen?“ (S.6) Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Wiedergabe der Fotografien der Ausstellung. Daneben finden sich neben der Einleitung drei Beiträge, die den bereits skizzierten Rahmen der Ausstellung umreißen sowie Kurzbiografien der ausgestellten Fotografen. Dabei widmet sich Stefan Rahner der Konzeption der Ausstellung, Rolff Sachsse einer Geschichte und Typologie der Industriefotografie und Jürgen Ellermeyer einem kurzen Abriss der Hamburger Wirtschaftsgeschichte. Stefan Rahner erläutert das Vorgehen der Ausstellungsmacher. Für die Fotografien werden zwei unterschiedliche Zugänge gewählt. Zunächst werden chronologisch angeordnet 16 Bildserien gezeigt - zumeist jeweils von einem Fotografen angefertigt -, die zu einem bestimmten Anlass bzw. Zweck gefertigt wurden. Das zeitliche Spektrum der Fotografien reicht von den 1860er Jahren bis 1990. Im zweiten Teil werden die Fotografien nach Bildthemen gruppiert. Hierzu wurden fünf Themenbereiche gebildet - Blicke auf das Unternehmen, auf die Mitarbeiter, auf die Produktion, auf wichtige Ereignisse der Firmengeschichte und die Präsentation der Produkte -, die teilweise noch weiter differenziert werden. Vor der zweiten Bildsequenz findet sich der aufschlussreiche Artikel von Rolf Sachsse, der sich bemüht „eine kleine Typologie der Industriefotografie“ zu verfassen. An den Beginn des Artikels stellt Sachsse einen kurzen Abriss der Geschichte der Industriefotografie am Beispiel der Arbeitsmittel der Fotografen. In wenigen Absätzen wird deutlich, wie sich technische Möglichkeiten und Sichtweisen der Fotografen verbanden und so zu zeitbedingten Bildern führten, deren Interpretation vielfältige Bedingungen berücksichtigen muss. Anschließend beschreibt Sachsse „Bildformen der Industriefotografie“, wobei die voraus skizzierten Bedingungsfelder der Fotografie einfließen. So entsteht ein spannendes Bild, das die Technikgeschichte der Fotografie mit Bildtypen verbindet und auf diese Weise eine Art ‚Motivgeschichte‘ der Industriefotografie erzeugt. Leider finden sich nicht alle von Sachsse für seine Argumentation herangezogenen Fotos im rezensierten Band wieder. Hier hätte die Auswahl der Fotos sich stärker an diesem interessanten Beitrag orientieren sollen. Die anschließende Bildsequenz entspricht dann aber nicht vollständig weder den Motivtypen Sachsses noch den von Rahner gebildeten Bildgruppen. Dies beweist, wie schwierig es ist, theoretisch aufgestellte Bildtypologien in einer praktischen Auswahl durchzuhalten. Auch zeigt sich das Problem, dass einige Bilder durchaus verschiedenen Gruppen zuzuordnen sind. Dies ändert aber nichts an der interessanten Bildauswahl, die zu einer intensiveren Beschäftigung mit den Bildern einlädt. Doch ein Wermutstropfen ergibt sich auch hier: Einige Bilder sind in der reproduzierten Fassung einfach zu klein geraten, so dass sich die Vielzahl der Details auch mit Hilfe einer Lupe kaum noch erkennen lässt. Dennoch die technische Qualität des Bandes ist ausgezeichnet. Die Schwarz-Weiß-Fotografien sind in Duoton gedruckt, so dass die Anmutung älterer Bilder erhalten bleibt. Man ist immer wieder erstaunt über die Qualität alter Fotografien, technische und künstlerische Meisterleistungen ihrer Zeit. Bei den frühen Aufnahmen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg handelt es sich häufig um Fotoabzüge von Negativen auf Glasplatten, die in ihrer Brillanz und Tiefenschärfe oft heutigen Aufnahmen überlegen sind. Das Duoton-Verfahren und die hohe Qualität des Drucks unterstreichen diese technische Qualität der Fotografien, so dass es großen Spaß bereitet, sich intensiv mit den präsentierten Bildern zu beschäftigen. Den Abschluss des Bandes bildet der Beitrag von Ellermeyer mit einem kurzen Abriss zu Aspekten der Geschichte der Hamburger Industrie. Einige kritische Worte sind noch anzufügen: Leider ist bei der Präsentation der Fotos im Katalog mit Erläuterungen gespart worden. Gerade weil im anzuzeigenden Buch nicht der künstlerische Aspekt der Fotografien in den Vordergrund gestellt wird, sondern der Gebrauchsaspekt, hätte man sich einige Erklärungen gewünscht. So ist dem Leser bei zahlreichen Fotos unklar, was tatsächlich auf den Fotografien dargestellt wird. Nicht jedem Leser dürfte bekannt sein, was die Norddeutsche Affinerie produziert und was die Tätigkeit der Kurzschlußsucher war oder ist. Hier wären kurze Hinweise hilfreich gewesen, um den Lesern eine eigene Beurteilung von Bildern zu ermöglichen. Dennoch ist hier ein Buch entstanden, dass nicht nur ein ‚Augenschmaus‘ ist, sondern dass auch in der Diskussion um die Rolle der Industriefotografie in ihren vielfältigen Schattierungen Berücksichtigung finden wird.
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