Rezension

Kugler, Lieselotte (Hrsg.): Die AEG im Bild. Zusammengestellt von Kerstin
Lange mit Beiträgen von Jörg Schmalfuß, Claus-Dieter Bründel, Maria
Bortfeldt, Berlin: Nicolai-Verlag, 2000, 208 S., 210 Abb., 58,- DM (ISBN
3-87584-047-X)

Rezensiert von Burkhard Zeppenfeld, Rheinisches Industriemuseum Oberhausen


Es macht immer wieder Spaß, sich ein Buch mit alten Industriefotografien
anzusehen, doch das hier zu rezensierende Buch bietet darüber hinaus mehr.
"Die AEG im Bild" ist die Begleitpublikation zu einer gleichnamigen
Ausstellung des Deutschen Technikmuseums Berlin, in der das Museum erstmals
Fotografien aus dem Archiv der AEG präsentierte.

Das Buch zerfällt in einen Text- und einen Bildteil. Im Textteil geben
Kerstin Lange und Jörg Schmalfuß in zwei Beiträgen zunächst eine Einordnung
der präsentierten Fotos in die Geschichte der Fotografie innerhalb der AEG
sowie einen Überblick über die Entwicklung der Sammlung. Anschließend gehen
Claus-Dieter Bründel und Maria Bortfeldt auf Probleme der Archivierung und
Restaurierung ein. Der Bildteil präsentiert die ausgestellten Fotografien
aus dem Archiv der AEG.

Kerstin Lange, wissenschaftliche Bearbeiterin des AEG-Bildarchivs im
Deutschen Technikmuseum, erläutert in ihrem Artikel "Die Bilder der AEG.
Material, Sprache und Entstehung" zunächst den Zusammenhang aus dem die
ausgestellten Bilder stammen. Das Archiv der AEG enthält etwa 50.000
Glasplattennegative - darunter etwa 15.000 großformatige Platten zumeist in
der Größe 18x24 cm -, etwa eine Millionen Abzüge und daneben noch
Diapositive und Fotoalben. Die Ausstellung beschränkte sich auf die
frühesten Fotos der Werksfotografie aus den Jahren 1898 bis 1929. In diesem
Zeitraum sind, nach Angaben eines überlieferten Journals, 24.909 Negative
angefertigt worden, von denen knapp 9.000 erhalten sind. Aus diesen Fotos
wurde nach Angaben der Autorin ein für die Fotografie der AEG
repräsentativer Querschnitt für die Ausstellung ausgewählt. Der Ansatz war -
wie bei anspruchsvollen Ausstellungen von Industriefotografie heute
üblich -, die Fotografie nicht als Illustration der Firmengeschichte
aufzufassen, sondern die Werksfotografie als wichtigen Bestandteil der
Unternehmenspolitik zu verstehen. Werksfotos sollten der Werbung und
Selbstdarstellung dienen und damit eine Sichtweise des Unternehmens
inszenieren. Jedes der ausgewählten Fotos sei - so sagt Lange - sowohl nach
seinem Zweck als auch danach befragt worden, auf welche Weise fotografiert
worden ist.
Lange beschreibt weiter das Verfahren, in welcher Art und Weise die
Fotografie im Unternehmen entstand und eingesetzt wurde. Die hier am
Beispiel AEG entwickelten Sachverhalte lassen sich sicherlich auch auf
andere Unternehmen übertragen, wie es die Erfahrung des Autors dieser
Rezension bestätigen kann. Dabei seien besonders zwei Aspekte hervorgehoben,
die für die Interpretation von Werksfotografie wichtig sind: Lange stellt
fest, dass die Werksfotografie weitgehend anonym ist. Angestellte Fotografen
einer Firma zeichnen ihre Fotos nur in Ausnahmefällen namentlich. Oft sind
mehrere Fotografen gleichzeitig tätig und damit ist - wenn ihre Namen
überhaupt bekannt sind - eine Zuordnung einzelner Fotos zu einem Autor kaum
möglich. Hier ist Lange zuzustimmen, die darauf hinweist, dass auch bei
Fehlen "großer" Fotografennamen damit häufig nicht eine schlechtere
fotografische Qualität verbunden ist. Ein zweiter Aspekt, auf den Lange
eingeht und der für die Interpretation der Fotos sehr wichtig ist, ist die
Art der Inszenierung von Werksfotos. Lange zitiert zwei Anweisungen des
Werkes für das Vorgehen von Fotografen, die deutlich machen, wie klein der
Spielraum eines Fotografen für eigene Gestaltungsideen war. Es wird relativ
exakt vorgegeben, wie etwas in Szene zu setzen war und auf welchen
Schwerpunkt der Fotograf zu achten hatte. Solche konkreten Vorgaben, die
sich in dieser Deutlichkeit selten finden, machen einem immer wieder
bewusst, wie inszeniert die Wirklichkeit in den Bilder der Werksfotografie
ist.

Im zweiten Beitrag beschreibt Jörg Schmalfuß, Leiter des Historischen
Archivs am Deutschen Technikmuseum, die "Geschichte photographischer
Sammlungen bei der AEG". Das Museum hat diese Sammlungen bei der Auflösung
des AEG-Archivs 1997 übernommen. An der regelrechten Odyssee, welche die
Bestände bis dahin hinter sich hatten, zeigt sich einmal mehr, welche
Zufälle und Unwägbarkeiten dafür sorgen, ob wertvolle Archivbestände von
Unternehmen gerettet oder vernichtet werden. Dabei half die Einsicht, dass
Fotografien und ihre Bereitstellung für die Öffentlichkeit ein "wertvoller
werblicher Zweck" für eine Firma sind, nur vorübergehend den Bestand zu
sichern.
Eine Kritik an diesem Artikel sei angebracht. Offensichtlich verstellt die
Faszination für den Bestand Schmalfuß kurzzeitig den Blick, wenn er
behauptet, dass die AEG bereits früh die Fotografien für die Firmenpolitik
nutzte. Doch ist die 1898 vollzogene Einrichtung einer fotografischen
Abteilung eher ein später Termin für ein Industrieunternehmen. Das weit
frühere Engagement von Krupp ist allgemein bekannt und selbst eine Firma wie
die Gutehoffnungshütte richtete bereits 1889 eine fotografische Abteilung
ein, was im Vergleich zu anderen Großunternehmen des Ruhrgebiets schon
reichlich spät war.

Im Anschluss an diese beiden Beiträge zur inhaltlichen Erschließung der
Ausstellung folgen zwei stärker technisch orientierte Beiträge. Claus-Dieter
Bründel, Archivar am Deutschen Technikmuseum Berlin, berichtet über
"Strategien digitaler Sicherung im Archiv" und die Fotorestauratorin Maria
Bortfeldt erläutert "Schadensbilder an Glasnegativen und Möglichkeiten der
Restaurierung". Während der Beitrag von Bründel vor allem für Kollegen
interessant sein dürfte, die die Digitalisierung von Fotobeständen planen,
sei der Beitrag von Bortfeldt allen Profis und Amateuren zur Lektüre
empfohlen, die mit Glasnegativen hantieren. Bortfeldt macht deutlich, wie
empfindlich Glasnegative sind und wie vorsichtig mit ihnen zu hantieren ist,
damit keine bleibenden Schäden verursacht werden. Leider erfährt man immer
wieder, wie unvorsichtig mit Glasnegativen umgegangen wird und selbst die
wichtigsten Regeln, wie das Hantieren nur mit Handschuhen oder die Schaffung
eines stabilen Lagerklimas, nicht eingehalten werden. Glasnegative sind
zumeist historisch äußerst wertvolle Fotomaterialien, die entsprechenden
Schutz und Konservierung benötigen, damit sie der Nachwelt erhalten bleiben
können. Bortfeldt gibt deutliche Hinweise, wie mit dem gefährdeten
Originalmaterial umzugehen ist. Besonders wichtig ist der Hinweis, dass vor
allem die Verbesserung der Lagerbedingungen vor Schäden und kostspieligen
Restaurierungen schützen kann.

Der anschließende Katalogteil präsentiert die Fotografien in sieben
Themengruppen: die Gebäude der Maschinenfabrik Brunnenstraße, AEG-Produkte,
Menschen am Arbeitsplatz, Expedition, Lehrlingsausbildung,
Wohlfahrtseinrichtungen, Erinnerungsphotos. Jeder Thementeil wird mit einem
kurzen Überblick eingeleitet und die Fotos sind mit Titel, Aufnahmedatum und
ausführlichen Erläuterungen versehen. Die Fotos selbst lassen keine Wünsche
offen. In Duoton gedruckt sind sie technisch sehr gut wiedergegeben. Die
Abbildungen zeigen immer die gesamten Glasplatten ohne Beschnitt mit Rändern
und den darauf befindlichen Informationen. Inhaltlich ist die Auswahl der
präsentierten Bilder spannend und zeigt das breite Spektrum der Sammlung
auf. Die eindrucksvollen Fotos lassen das Herz eines jeden höher schlagen,
der Spaß an Industriefotografie hat.

Insgesamt handelt es sich nicht nur um einen schön gestalteten Katalog zu
einer interessanten Ausstellung, sondern auch um ein Buch, dessen Hinweise
auf die Inhalte und die Nutzung von Glasnegativ-Beständen für jeden, der mit
solchem Material umzugehen hat, hilfreich ist.

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