Rezension

Bluma, Lars; Pichol, Karl; Weber, Wolfhard (Hrsg.): Technikvermittlung und Technikpopularisierung - Historische und didaktische Perspektiven, Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt, Bd. 23, Waxmann Verlag GmbH, Münster, 2004, 284 S., br., ISBN 3-8309-1361-3, 25,50 Euro

Rezensiert von Erich Sauer* für FORUM Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur 2/04

Das vorliegende Buch gibt mit seinen Beiträgen die Ergebnisse der 11. wissenschaftlichen Jahrestagung der Gesellschaft für Technikgeschichte (Ruhr-Universität Bochum) und der 4. Tagung des Wissenschaftlichen Collegiums Johann Beckmann (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) von 2002 wieder.

In 17 unterschiedlichen und interessanten Beiträgen werden fünf Themenschwerpunkte behandelt:

  • Aspekte zur Technikvermittlung/-popularisierung und Kurzfassung der Beiträge, Soziale Netzwerke und neue Perspektiven der Techniksoziologie,
  • Technikvermittlung in der Produktionssphäre,
  • Konsumistische Technikvermittlung,
  • Frühneuzeitliche Technikpopularisierung,
  • Medien und Technikdidaktik zur Technikpopularisierung.

1. Schwerpunkt: Hier behandeln die Autoren Bleidick, Bluma und Pichol allgemeine Gesichtspunkte der Technikvermittlung und -popularisierung mit Kernaussagen der nachfolgenden 15 Vorträge. Weyer verweist in seinem aktuellen Beitrag auf die Bedeutung wechselnder sozialer Netzwerke in soziotechnischen Systemen im 3-Phasen-Modell der Technikgenese.

2. Schwerpunkt: Weber diskutiert den Aspekt den Technikvermittlung mit dem Schwerpunkt Sicherheit ab 1820 vom sozialen Arbeits- bis zum Umweltschutz. Bleidick unterzieht in seinem Beitrag für die 50er und 60er Jahre die Mittlerfunktion der beratenden Ingenieure (VBI) zwischen Produzent und Kunde einer kritischen Analyse. Hascher analysiert die Entscheidung (1947 - 1955) für die Wahl der Elektrifizierung der Eisenbahn in Ruhrgebiet zugunsten des 16 2/3 Hz-Systems. Bauer zeigt, wie aufgrund unausgereifter Technik und Fehleinschätzungen sowohl der Hersteller als auch des Nutzers Bergmann die im Jahre 1977 mit viel Schlagzeilen eröffnete Hydrogrube Hansa drei Jahre später wieder stillgelegt wurde.

3. Schwerpunkt: Möser berichtet in gelungener Weise über die Vermittlung der Autotechnik und des Fahrenlernens. Von den ursprünglich vier getrennten Funktionen liegen heute durch Automation nur noch das Fahren und die Verkehrsteilnahme im Kompetenzbereich des Fahrers. Luxbacher diskutiert am Beispiel der elektrischen Glühlampe die Massenproduktion und die Anfänge der Gebrauchswertforschung technischer Konsumgüter. Bluma berichtet von dem langen Weg und den vielfältigen Maßnahmen in der Kette Hersteller, Verarbeiter, Handel und Konsument bei der Einführung der deutschen Zellwolle als halbsynthetischer Textilrohstoff zur Erschließung neuer Verwendungsgebiete, die Woll- und Baumwollstoffe nicht abdeckten oder ersetzten.

4. Schwerpunkt: Hier behandelt Meyer an Beispielen (Text, Bilder, Kunstkammern, Modellsammlungen) die Popularisierung von Technik in der frühen Neuzeit (1500 - 1800). Poplow berichtet über die Popularisierung von Technik um 1700. In diesem Beispiel erreichte man durch die Dreiteilung Mechanik, Maschinen und technische Sehenswürdigkeiten eine Vermittlerfunktion zwischen dem Konstrukteur und einem breiten interessierten Publikum. Schlagenhauf diskutiert am Beispiel des Realschulbegriffs, der Schulen von Francke, Tschirnhaus, Weigel und Semler um 1700, dass das damalige Allgemeinbildungskonzept und die technikbezogene Bildung schon Vorbildfunktion für heute haben können.

5. Schwerpunkt: Mühl-Benninghaus berichtet über die Visualisierung der Ambivalenz der Technik mit verschiedenen Beispielen im Laufe der Entwicklung von Film und Fernsehen in unterschiedlichen politischen Systemen. Sabine Schachtner stellt das Rheinische Industriemuseum/Bergisch Gladbach vor, in dem die Papierherstellung gezeigt wird. Martina Heßler skizziert sehr interessant den "Langen Weg der Haushaltstechnik in den Alltag", bei dem ab 1880 in einem langen Diskurs von der Kette Hersteller bis Nutzer die Haushaltstechnik als Alltagstechnik popularisiert wurde, ohne dass technische Kenntnisse im engeren Sinne dabei eine wesentliche Rolle gespielt hätten. Hein stellt ganz offen die Hemmnisse dar, unter der das noch relativ neue Schulfach Technik aufgrund der althergebrachten Bildungsdefinition und der finanziellen Misere der Bildungshaushalte zu leiden hat. Tyrchan vergleicht den bunten "Flickerl-Teppich" des Technikunterrichts in Deutschland mit der festetablierten technischen Grundbildung in den Ländern Frankreich und England. Während man in England und Frankreich die Ausgaben für den Bildungsbereich, also auch für technische Bildung, als Investition in die Zukunft der Gesellschaft sieht, betrachtet man in Deutschland noch immer die Kosten für das Bildungssystem als finanzielle Lasten, bei denen gespart werden muss.

Das vorliegende Buch zeigt vielfältige Perspektiven zur Technikvermittlung und -popularisierung, regt sicherlich zu weiteren interessanten und neuen Untersuchungen an und kann hoffentlich dazu beitragen, die in Deutschland vernachlässigte technische Bildung nicht nur zu beklagen, sondern auch in wechselnden sozialen Netzwerken zwischen Universitäten, Institutionen, Schulen etc. durch Zusammenarbeit und gemeinsame Technikprofile und -inhalte z. B. in E-Learning- und Technikdatenbanknetzen das Schulfach Technik und die Technikvermittlung für die Zukunft zu stärken.


* Sauer, Erich, Prof. Dr.-Ing., Universität Duisburg-Essen, Campus Essen, FB 11, Technologie und Didaktik der Technik

 

 

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