| Rezension
Großmann, Joachim: Wanderungen durch Zollverein, Das Bergwerk und seine industrielle Landschaft, hrsg. von der Geschichtswerkstatt „Zeche Zollverein e. V.“ und der Denkmalbehörde der Stadt Essen, Essen: Klartext Verlag, 1999, 88 Seiten, zahlr. Abb. Rezensiert von Thomas Parent, Dortmund. In: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, H. 1, S. 79 Das Buch hält erheblich mehr als sein Titel verspricht. Es geht hier keineswegs in erster Linie um „Wanderungen“ über das Zechengelände von Zollverein, sondern - der Untertitel formuliert präziser - um die facettenreiche „industrielle Landschaft“ in den Essener Vororten Stoppenberg und Katernberg, die seit 1847 in ihrem Erscheinungsbild maßgeblich durch dieses Steinkohlenbergwerk geprägt wurden. Von den ca. 80 Seiten Buchtext widmen sich nur zwanzig den fünf Zollverein-Schachtanlagen sowie der gleichnamigen Kokerei. Die berühmte Schachtanlage Zollverein 12, die 1927-32 nach Plänen der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer entstand, kommt gerade mal auf vier Seiten. Hingegen handeln sechzig Buchseiten über Katernberger und Stoppenberger Wohn- und Geschäftshäuser, Amtshäuser und Kirchen, Schulen und Jugendhallen etc. etc. In dieser Gewichtung liegt der große Reiz des Buchs. So werden z.B. nicht nur - wie auch in anderen Zechen-Publikationen - die gründerzeitlichen Bergarbeiterkolonien von Zollverein ausführlich vorgestellt, sondern auch die Projekte der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften aus der Weimarer Republik oder die „Selbsthilfesiedlung“ `Glückauf´ aus den Jahren nach 1945, bei deren Errichtung die Bergleute fehlendes Kapital durch handwerkliche Eigenleistung kompensierten. Aus der Wirtschaftswunderzeit stammen dann zwei anmutig gestaltete „Pestalozzidörfer“, in denen auswärtige Berglehrlinge während ihrer Ausbildung in familienähnlichen Gruppen - umsorgt von einem Bergmannsehepaar als „Hauseltern“ - wohnen konnten. Der Buchautor beschreibt die einzelnen Bauten bzw. Bauensembles mit Sorgfalt und Sachkenntnis, nennt die Architekten, Baudaten, Funktionen und evtl. Funktionsveränderungen der Gebäude. Auch die Nutzer kommen zu Wort, denn an mehreren Stellen sind historische Quellenzitate eingestreut, in denen z.B. ein Bergmann und eine Hausfrau über ihren Arbeitsalltag in Zeche bzw. Kolonie berichten. Ein abgedruckter Mietvertrag von 1899 legte fest, daß die Kündigung des Arbeitsplatzes (z.B. aufgrund von aufrührerischem Verhalten) für den Bergmann zwangsläufig auch eine Kündigung der Koloniewohnung nach sich zog. An diesem Beispiel wird deutlich: Der Arm der Zechenleitung war sehr lang. Als wesentliche Fragestellung untersucht die Broschüre den vielfältigen Einfluss des Bergwerks auf seine engere und weitere Umgebung, der bei manchen Bauten noch heute auf charakteristische Weise sichtbar ist. So fanden z.B. bei der evangelischen Kirche am Katernberger Marktplatz, deren Baukosten maßgeblich von Zollverein subventioniert wurden, Industrieziegel und Gußstahlsäulen Verwendung. Das nahegelegene Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs entstand Anfang der 1930er Jahre nach einem Entwurf von Fritz Schupp - offenbar als „Nebentätigkeit“ während der Errichtung der Schachtanlage Zollverein 12. Gelegentlich hinterließen auch negative Auswirkungen des Bergbaus ihre Spuren: Zollverein-Bergsenkungen beschädigten die katholische St. Nikolauskirche in Essen-Stoppenberg bereits wenige Jahre nach der Fertigstellung nachhaltig und verursachten u.a. zentimeterbreite Rissen im Mauerwerk. Selbstverständlich handelt das Buch auch die eigentlichen Zechenbauten in der gebotenen Ausführlichkeit ab, wobei die aktuelle Nachnutzung im Anschluß an die endgültige Betriebsstillegung - kommerziell, kulturell, touristisch - Erwähnung findet. Immerhin handelt es sich bei Zollverein 12 ja um ein prominentes Industriedenkmal, das in der aktuellen Ruhrgebietswerbung mit superlativen Schlagworten vermarktet wird („schönste Zeche der Welt“ - „Kathedrale der Industriekultur - „Eiffelturm des Ruhrgebiets“). Demgegenüber mutet es sympathisch an, daß der Autor der vorliegenden Broschüre einen nüchternen, gut lesbaren Erzählstil bevorzugt. Und dass er die berühmte Zeche nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit ihrer reviertypischen Umgebung. Sieht man von dem hohen architektonischen und technischen Standard von Zollverein 12 einmal ab, so hat es vergleichbare Bauensembles aus Zeche, Werkssiedlung und Ortskern an vielen Stellen des Ruhrreviers gegeben und gibt sie auch heute noch. Der besondere Wert der Publikation liegt in der ausführlichen Aufarbeitung der „Denkmallandschaft“ Zollverein in ihrer baugeschichtlichen Vielfalt. Lediglich die Verkehrstrassen (Köln-Mindener-Eisenbahn, Dortmund-Ems-Kanal) und die ökologischen Altlasten (Halden, Senkungsgebiete) kommen zu kurz. Und auf zwei „Denkmäler“ im klassischen Sinn, die in dem Buch nicht berücksichtigt werden, möchte ich ergänzend hinweisen: Bei der Bezirkssportanlage „Am Hallo“ im Osten von Stoppenberg erinnert ein Gedenkstein von 1929 an die „Weimarer“ Politiker Matthias Erzberger, Walter Rathenau und Friedrich Ebert. In Turmhalle der Katernberger Josefskirche weist eine Marmortafel darauf hin, dass auch diese katholische Kirchengemeinde durch die Zeche Zollverein finanziell unterstützt wurde. Meines Wissens gibt es eine vergleichbare Würdigung im gesamten Ruhrgebiet nur noch in der evangelischen Kirche von Oberhausen-Sterkrade. Abschließend soll auf die gelungene, differenzierte Illustrierung der Broschüre hingewiesen werden, die historische Bildquellen aus dem Archiv der Geschichtswerkstatt und aktuelle Farbfotos von Peter Happel (Essen) umfasst. Erscheint in: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, Nr. 1.
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