| Rezension
Koerner, Andreas: Zwischen Schloß und Schloten. Die Geschichte Borbecks, Bottrop: Verlag Henselowsky Boschmann, 1999. 296 Seiten, einige Abbildungen Rezensiert von Thomas Parent, Dortmund. In: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, H. 1, S. 78 Der Industrieort Borbeck, der 1915 als größte preußische Landgemeinde (77000 Einwohner) dem Essener Stadtgebiet zugeschlagen wurde, dürfte manchem Geschichtsinteressierten im Ruhrgebiet aufgrund einer biographischen Studie bekannt sein, die der Historiker Lutz Niethammer 1979 dem Borbecker Kommunalbaumeister Wilhelm Voßkühler (1852-1914) widmete. Um 1900 war Voßkühler auf spektakuläre Weise bei dem Versuch gescheitert, dem wild wuchernden Wirrwar aus Fabriken, Kolonien und Verkehrstrassen ordnende Strukturen überzustülpen. Trotz neuerlicher Stadtplanungsaktiviäten im postindustriellen Zeitalter ist Essen-Borbeck auch heute noch durch ein unübersichtliches, etwas chaotisches Erscheinungsbild geprägt. Während Niethammer sich auf wenige Jahrzehnte Borbecker Geschichte beschränkte, greift Andreas Koerner - im Hauptberuf ist er Leiter der örtlichen Stadtbibliotheksfiliale - erheblich weiter aus und spannt den Bogen von der Urzeit bis zur Gegenwart. D. h. er beginnt mit der 280000 Jahre alten „Vogelheimer Klinge“, die als frühestes Zeugnis von menschlicher Anwesenheit im späteren Ruhrgebiet im Jahr 1926 beim Bau des Essener Stadthafens auf vormaligem Borbecker Gemeindegebiet gefunden wurde. Eines der letzten Kapitel des Buchs thematisiert dann (vergleichsweise) aktuelle Kontroversen um Borbecker Lebensqualität unter dem Motto „Ostfriesenspieß, Panzerbau, Pseudokrupp“. Zwischen diesen beiden Polen wird eine Fülle von weiteren Themenbereichen angerissen: Adelsgüter und Wassermühlen, Schul- und Armenwesen, Bergbau und Eisenbahnbau, polnischsprachige Immigranten in der deutschen Kaiserzeit und ukrainische „Fremdarbeiterinnen“ während der Schreckensjahre des III. Reichs etc. etc. Angesichts der berücksichtigten Themenfülle ist es nicht ganz unverständlich, dass die vielleicht einzige überregional bekannte Borbecker Persönlichkeit, der katholische Sozialphilosoph und -politiker Heinrich Brauns (1920-28 Reichsarbeitsminister) in dem Buch nur an einer Stelle kurz erwähnt wird. Brauns, der um 1900 mehrere Jahre lang als Vikar an der Borbecker Hauptkirche amtierte, besaß damals in dem Industriedorf soviel Einfluss, dass er z.B. missliebige („sozialistische“) Gewerkschaftsversammlungen durch persönliche Absprachen mit den Wirten der in Frage kommenden Versammlungslokale torpedieren konnte. (s. S. 143) Das Buch ist sparsam, aber ansprechend bebildert und dokumentiert z.B. die extrem kräftezehrende Maloche in der Borbecker Zinkhütte (Foto von 1934) oder die Produktion von Granaten durch Borbecker Frauen in der dortigen Maschinenfabrik während des Ersten Weltkriegs. Ein weiterer Pluspunkt des Bandes sind historische Textpassagen von „Betroffenen“, die der Autor verschiedentlich in seinen Erzähltext einstreut. Abschließend eine Leseprobe zum Thema Umweltverschmutzung im Zeitalter der Hochindustrialisierung: Der Kohlenstaub „schwärzte die ausgelegte Wäsche, lastete schwer und drückend auf der Brust und überzog den frisch gefallenen Schnee in wenigen Stunden mit einem dunklen Schleier. Am schlimmsten wirkten die Dämpfe einer Zinkhütte, die das Laub der wenigen benachbarten Bäume zerfraßen und den Menschen, die in dieser Pestluft gegen hohe Löhne arbeiteten, schon in jungen Jahren den Stempel frühzeitigen Hinwelkens aufdrückten.“ (aus den Lebenserinnerungen des Borbecker Mittelschullehrers Anton Joseph Cüppers, bei Koerner zit auf S. 79) Erscheint in: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, Nr. 1.
|
|
| © Forum Geschichtskultur |
|