| Rezension
Motte, Jan;
Ohliger, Rainer (Hg.): Geschichte und Gedächtnis in der
Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion
und Erinnerungspolitik, Essen 2004, 352 S., ISBN 3-89861-040-3, 18,90 Euro Das Bild des Portugiesen Armando Rodrigues de Sá, der 1964 als der einmillionste "Gastarbeiter" in der Bundesrepublik zur Begrüßung hochoffiziell mit einem Moped beschenkt wurde, ist weithin bekannt. Das Original-Moped steht heute im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und das Foto, Mann mit Moped und Blumen vor klatschenden Honoratioren, wird unendlich durch die Medien reproduziert und ist nicht zuletzt in zahlreichen Schulbüchern zu finden. Es ist, wie Jan Motte und Rainer Ohliger in der Einleitung des vorliegenden Bandes schreiben, "die bildliche Erinnerungsikone der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte zum Thema Einwanderung". Die Themen Gedächtnis und Erinnerung haben seit mehr als zwei Jahrzehnten in wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten Hochkonjunktur. Das ursprünglich am französischen Beispiel entwickelte und in jüngster Zeit weithin schulemachende Konzept der "Erinnerungsorte" wird im vorliegenden Band gewinnbringend auf die Migrationsgeschichte übertragen. Doch der Band bietet noch mehr: Neben historischen Darstellungen, Problemaufrissen und einer Ereignischronologie zur bundesrepublikanischen Einwanderungsgeschichte finden sich Zeitzeugenberichte aus der ersten Migrantengeneration sowie Ausblicke auf die Perspektiven der Einwanderungsgesellschaft. Als spezifische Erinnerungsorte werden vor allem Beispiele aus den Bereichen Literatur, Museum, Fotografie, Internet sowie Schulbücher in den Blick genommen. Ausstellungsdidaktische Überlegungen stehen hier zum Beispiel neben ethnographischen Erkundungen und akribischen Schulbuchanalysen. So gelingt es etwa Mathilde Jamin anhand ihrer Erfahrungen mit der Konzeption und Realisierung einer Ausstellung zur Einwanderungsgeschichte aus der Türkei das Potential derartiger Projekte aufzufächern. Neben dem Akt symbolischer Anerkennung und einem Beitrag zur Zeitgeschichtsforschung, ist es vor allem die sich in den Besucherbüchern dokumentierende emotionale und kommunikationsfördernde Resonanz, die die Notwendigkeit von Gleichberechtigung im Bereich kultureller Repräsentanz eindringlich vor Augen führt. In einem ebenso differenzierten wie ernüchternden Beitrag kann hingegen Bettina Alavi zeigen, wie sehr die Migrationsgeschichte in aktuellen Geschichtsschulbüchern auf eine negative historische Entwicklung verkürzt wird, die mit dem eingangs zitierten Foto des einmillionsten "Gastarbeiters" beginnt und mit den Brandanschlägen auf Asylbewerberheimen endet, die Schüler ansonsten aber recht ratlos zurücklassen muss. Auch mehrere andere Beiträge dokumentieren, wie wenig sich die deutsche Einwanderungsgesellschaft bisher als Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft begreift. Der zunehmend in Angriff genommenen zeitgeschichtlichen Forschung steht auf der symbolischen oder auch geschichtspolitischen Ebene immer noch ein Vakuum gegenüber. Die Aufmerksamkeit für die Notwendigkeit eines multikulturellen Erinnerungsdiskurses wird durch den vorliegenden Band zweifelsohne gestärkt. Der erweiterte Blick auf die deutsche Einwanderungsgesellschaft bleibt dabei allerdings ein geteilter. Die Geschichte der "Vertragsarbeiter" und Migranten in der DDR und in Ostdeutschland fällt weitgehend unter den Tisch. Ein Umstand, der umso merkwürdiger anmutet als das Buch ein Titelbild präsentiert, das explizit auf die deutsch-deutsche Teilungs- und Wiedervereinigungsgeschichte zurückverweist: ein Demonstrant ausländischer Herkunft trägt ein Schild mit der Aufschrift "Wir sind auch das Volk". * Moller, Sabine, Dr., Forschungsgruppe Vergleichende Tradierungsforschung Universität Witten/Herdecke & Kulturwissenschaftliches Institut Essen
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