Rezension

Pfundtner, Raimund (Hg.): Hans Karl Steffen. Grimmige Idyllen - Malerei des Ruhrgebietes [= Schriften des Fritz-Hüser-Institutes für Deutsche und Ausländische Arbeiterliteratur der Stadt Dortmund, Reihe I: Ausstellungskataloge, Bd. 10, hrsg. Von Prof. Dr. Rainer Noltenius, 120 Seiten, 89 Farbabbildungen, zwölf schwarz-weiß Skizzen],  Essen: Klartext Verlag, 2000

Rezensiert von Angelika Mertmann, Herne

Der vorliegende Katalog ist entstanden anlässlich der Ausstellung der Werke von Hans Karl Steffen im Maximilianspark Hamm, die dort vom 12.3.2000 bis 16.4.2000 zu sehen war.

Hans Karl Steffen war ein Kind des Ruhrgebietes. Am 24.2.1930 in Dortmund-Eving als Sohn eines Zechenarbeiters geboren, blieb er bis zu seinem Tod am 21.5.1994 der Region treu. Nach seiner durch den Krieg oft unterbrochenen Ausbildung im kaufmännischen Bereich war er dann in unterschiedlichen Berufen tätig - als Bau- und Maschinenarbeiter, im Straßenbau und im Museum -, bevor er bereits dreißigjährig seine Berufung in der bildenden Kunst fand.

"In meiner Malerei bin ich nicht auf der Suche nach Sensationen, sondern suche das Gegenwärtige, suche das gesellschaftlich Problematische, weil es das mich Bedrängende, das für mich Wesentliche ist. Immer wieder bemühe ich mich darum, Sachverhalte zu erhellen, nicht zu verdunkeln und nicht etwa im Ästhetischen aufzuheben." (Hans Karl Steffen)

So sind die Bilder von Hans Karl Steffen eigentlich auch nie "schön" zu nennen: Selbst seine in sich sehr geschlossenen, ruhigen Stillleben zeigen die herbe Schönheit eines einfachen Mahls oder das "Meißener" des Arbeiterhaushaltes: eine Emaillekanne, Becher oder Waschschüssel. Auch in den Bildern, die die „Nachbarschaft“ zum Thema haben, bleibt er dem verbunden, was nur derjenige als "schön" empfindet, der damit heimatliche Gefühle und eine einigermaßen intakte Sozialstruktur verbindet: Blicke aus Fenstern, die in Hinterhöfen münden, düstere Siedlungsstraßen und dunkle Wohnküchen. In den 70er Jahren wandte er sich verstärkt sozialkritischen Themen zu, die er in collageartig zusammengesetzten Bildteilen in Malerei umsetzte. Das Alleingelassensein, die Einsamkeit der alten Leute in den ehemaligen Arbeiterwohnhäusern wird ein häufig aufgegriffenes Thema: "Beweinet nicht die Toten", "Der Bagger klopft an" oder "Stanis" sind hier zu nennen. Auch die Probleme des Strukturwandels für die Menschen der Region spiegeln sich in Bildern wie "Borsigplatz" oder "Gestern und Heute". Immer wieder finden sich im Werk von Hans Karl Steffen Selbstporträts, Selbstbefragungen, die seinen Seelenzustand spiegeln und viel über seine schwierigen Lebensverhältnisse als freischaffender Künstler aussagen. "Porträt mit Haken", "Es wird Winter", "Im Sturm", "Adieu", "Selbstporträt mit Taube", "Selbstporträt mit Uhr" und nicht zuletzt sein kurz vor seinem Tod vollendetes Selbstporträt, in dem sich sein Gesicht bereits aufzulösen scheint, zeigen die ständige Befragung, das ständige Infragestellen der eigenen Position.

Der Katalog bringt uns den Menschen und Künstler Hans Karl Steffen durch ganz unterschiedliche, kleine Beiträge näher. Aus einer ganz persönlichen Perspektive des Freundes schreibt Raimund Pfundtner seine "Gedanken zur Ausstellung" die er als "Grimmige Idyllen in Zeiten des Wandels" bezeichnet und bringt uns nicht nur die Kunst Steffens nahe, sondern vermittelt uns auch ein Bild vom Menschen Steffen. Ebenfalls in sehr persönlicher Weise stellt uns Dieter Treek den Künstler vor („Hans Karl Steffen - Bilder eines großen Moralisten“) und Gernot Krankenhagen betont ebenfalls die soziale Verankerung Steffens in seinem Beitrag "Mein breites Kreuz kommt nicht vom Malen". Die kurzen biografischen Notizen und die Aufstellung über Ausstellungen schließen diesen Teil über den bildenden Künstler ab.

Aufgenommen wurden in den Katalog Ausschnitte aus der Erzählung "Hänschen", in der Hans Karl Steffen seine Kindheitserinnerungen niedergeschrieben hat. Auch wenn diesem Text eine tiefgehende künstlerische Durchdringung fehlt, so sind die in ihm wiedergegebenen Schilderungen über das Aufwachsen im Arbeitermilieu während der Nazi-Zeit von hohem dokumentarischen Wert. Einblicke in Familienstrukturen, der Einfluss der Wohnsituation auf Arbeitsplatz und Ausbildung, wie mit Politik umgegangen wurde, all das wird der Leserin/dem Leser auf ganz anschauliche Weise nahegebracht. Und natürlich erfahren wir - ganz nebenbei - warum Hans Karl Steffen so werden konnte, wie er geworden ist.

Abgerundet wird das Bild über den Künstler noch durch die "Nachtgespräche" - Statements Steffens zur Kunst und zu gesellschaftlichen Problemen -, die Raimund Pfundtner 1979/80 mit ihm geführt hat. Hier fasst Steffen noch einmal seine Auffassung zur Kunst zusammen, die Käthe Kollwitz für sich ganz ähnlich mit "Ich will wirken in dieser Zeit" beschrieben hat.

"Der Künstler in seinem Atelier ohne Gesellschaftsaussage, ohne Gesellschaft hinter sich zu haben, den kannst du vergessen. Der Künstler hat die Aufgabe sich zu stellen, nicht so wachsweiche Geschichten, um der Stadtverwaltung oder sonst wem zu schmeicheln."

Den Problemen der Gesellschaft hat sich Hans Karl Steffen immer gestellt, er war jemand, der aufrecht durchs Leben ging.

Dies aufzuzeigen ist dem Katalog hervorragend gelungen durch die sehr persönlichen, aber auch informativen, unterschiedlichen Beiträge sowie durch die Selbstzeugnisse Steffens. Der Bildteil ist ausführlich, wenn auch manchmal die Farben etwas besser hätten umgesetzt werden sollen. Auch wenn es etwas mäkelig erscheint: Man hätte die neue deutsche Rechtschreibung einheitlich einhalten und die Korrektur der Texte insgesamt etwas ernster nehmen sollen.

 

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