| Rezension
Knocke, Erich (Hrsg.): Gesammeltes Vergnügen. Das Essener Markt- und Schaustellermuseum, Essen: Klartext Verlag 2000, ISBN 3-88474-934-x, 88 S. mit zahlreichen Abbildungen, DM 19,80 Rezensiert von Dagmar Kift, Dortmund. In: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, H. 1, S. 74 Um gleich mit einer - allerdings der einzigen - kritischen Bemerkung zu beginnen: Wer erwartet, mit diesem Buch einen Führer durch das Essener Markt- und Schaustellermuseum in der Hand zu halten oder die bemerkenswerte Sammlung von Erich Knocke, seinem Gründer und Leiter, näher kennenzulernen, der oder die wird ein wenig enttäuscht sein. Einen Rundgang durch das Haus oder eine Dokumentation seiner Sammlung bietet „Gesammeltes Vergnügen“ nicht. Das ist ein wenig schade, denn in einem Buch über ein Museum würde man auch gerne erfahren, was einen dort erwartet, wie das Haus aufgebaut ist, wo was zu finden ist. Immerhin aber bieten die vielen schönen Farbfotografien von Peter Happel informative und anregende Einblicke in die Bestände. Ein Museumsführer also ist das Buch nicht - und sollte es auch nicht sein. Vielmehr ging es Herausgeber und AutorInnen darum, Hintergrundwissen zu jenem wichtigen Element der Volkskultur in der Region (und darüber hinaus) zusammenzutragen, das Erich Knocke in seinem Haus so umfassend wie faszinierend zugleich dokumentiert: die Welt der Märkte, Kirmessen und Jahrmärkte und den Beitrag der Schausteller zur Formierung der Alltagskultur in der Neuzeit. Damit soll zugleich die Bedeutung eines Hauses hervorgehoben werden, das die Erinnerung an diese Kultur eindrucksvoll und einzigartig dokumentiert, dessen Zukunft aber bedauerlicherweise immer noch mehr als ungesichert ist. Das Essener Markt- und Schaustellermuseum ist ein Privatmuseum. Unterstützung erhält es von der Stadt Essen, die die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, und vom Ruhrlandmuseum, das in Kooperation die museumspädagogische Betreuung übernommen hat. Die AutorInnen sind ausgewiesene KennerInnen der Materie. Angelika Wuszow, Leiterin der Museumspädagogik des Ruhrlandmuseums Essen, stellt in ihrem Beitrag die historische, die aktuelle und die Museumserfahrung des Vergnügens vor - und das Vergnügen als ein Thema für Museen, die nicht mehr nur - klassisch - das Bildungsbürgertum bestätigen und belehren, sondern auch für andere Bevölkerungssschichten ein Ort der Erinnerung und der erlebnisorientierten Vermittlung sein wollen. Florian Dering, stellvertretender Direktor des Münchener Stadtmuseums und Leiter des dortigen Puppentheatermuseums, skizziert die Entwicklung des Schaustellergewerbes und der Schau-Stellungen als wichtigen Bestandteil der Vergnügungskultur der Neuzeit. Zeev Gourarier, Direktor des Musée des Arts et Traditions Populaire und Kurator der Musées Nationaux in Paris, zeigt, wie sehr Jahrmärkte auch Märkte der Wissenschaften waren und dies vor allem für die unteren Schichten, deren Zugang zu Wissen und Bildung lange Zeit beschränkt war. Gleichzeitig hebt Gourarier die „aktive und modernisierende Rolle [der Schausteller] bei der ‘Popularisierung’ der Wissenschaften“ (S.43) hervor. Lisa Kosok, stellvertretende Direktorin des Museums der Arbeit in Hamburg, beschreibt, wie sich die Bevölkerung des Ruhrgebiets um 1900 vergnügt und unterhalten hat - trotz der Kontrollsucht der Behörden. Lisa Kosok hatte bereits 1992/93 mit Mathilde Jamin - und vielen Exponaten aus der Sammlung Knocke - im Ruhrlandmuseum Essen die Ausstellung „Viel Vergnügen. Öffentliche Lustbarkeiten im Ruhrgebiet der Jahrhundertwende“ konzipiert und realisiert. Einen Bogen zur Gegenwart schlägt Kaspar Maase, Privatdozent für Kulturwissenschaft am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen, der die Geschichte des Vergnügens von einer zumindest teilweise oppositionellen, sicherlich aber den Herrschenden suspekten Kultur hin zu einer „’herrschenden Kultur’ der nachbürgerlichen Massendemokratie“ (S.69) verfolgt. Eingeleitet wird der Band durch einen Beitrag von Michael Zimmermann, Historiker im Kulturdezernat Essen und Privatdozent für Neuere Geschichte an der Ruhruniversität Bochum. Zimmermann benennt die Schwerpunkte der Sammlung und würdigt vor allem den Leiter des Hauses, Erich Knocke und sein Lebenswerk. Knocke stammt aus einer Schaustellerfamilie, war lange Zeit selbst in diesem Gewerbe tätig war und hat mit einem unglaublichen Elan die Sammlung des Hauses zusammengetragen, das er nun mehr oder weniger als Ein-Mann-Betrieb führt. Das Buch zeigt den sozial- und kulturgeschichtlichen Kontext auf, in dem die Sammlung Knocke steht - und es macht neugierig auf das Museumsprojekt eines engagierten und kenntnisreichen Sammlers. Wer es besuchen möchte, findet auf der letzten Seite einige dazu nötige Hinweise: wo finde ich das Museum? Wen muss ich kontaktieren, wenn ich es besuchen will? Ergänzend dazu hier noch die Website: Sie enthält auch einen Überblick über die Sammlungsbestände und das Sammlungskonzept. Es wäre Erich Knocke und seiner Sammlung, die nicht nur in der Region, sondern in ganz Deutschland ihresgleichen sucht und auch im internationalen Vergleich mithalten kann, zu wünschen, dass sie eine dauerhafte finanzielle und institutionelle Absicherung erhält. Wer Kultur aus der Region und für die Region und ihre Menschen fördern will, Kultur von Bürgern, die engagiert gehandelt und qualitativ überdurchschnittliches geleistet und zu Entwicklung einer kulturellen Infrastruktur von überregionaler Anziehungskraft und großer potentieller Nachhaltigkeit beigetragen haben - hier kann und muss er tätig werden.
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