Rezension

Kaminsky, Uwe: Dienen unter Zwang. Studien zu ausländischen Arbeitskräften in Evangelischer Kirche und Diakonie im Rheinland während des Zweiten Weltkriegs (mit einem Beitrag von Ulrike Winkler) (= Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, Bd. 155), Köln 2002

rezensiert von Dr. Michael A. Kanther für die Zeitschrift FORUM Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur2/02

Die Zwangsarbeit von Ausländern im Deutschen Reich während des Zweiten Weltkriegs wird seit Anfang der 1990er Jahre mit besonderer Gründlichkeit sowohl ‘in der Fläche’ als auch für einzelne Wirtschaftsbereiche und Unternehmen untersucht, und nur noch wenige Forschungslücken sind übrig. Daß ein lange vernachlässigter Bereich, in dem Zwangsarbeit stattgefunden hat, und zwar die Einrichtungen und Betriebe der beiden großen Kirchen, allmählich als ‘aufgearbeitet’ gelten kann, ist auch dem vorliegenden Buch von Uwe Kaminsky zu danken. Was er zur bisherigen Auseinandersetzung der Evangelischen Kirche mit dem Thema schreibt, gilt genauso für die Katholische Kirche: Die Zwangsarbeiter in den kirchlichen Einrichtungen waren ‘so sehr in Vergessenheit’ geraten, ‘daß ihre Schicksale erst sechzig Jahre später wieder mit einem beispiellosen Rechercheaufwand aus der Versenkung geholt werden mußten’ (S. 265). Seit 1999 haben sich beide Kirchen der Aufgabe gestellt, die Zwangsarbeit in den eigenen Häusern zu erforschen, und die bisherigen Erträge können sich sehen lassen. Kaminsky zeichnet ein klares Bild von den Verhältnissen in dem großen Bezirk der evangelischen rheinischen Landeskirche. Seine Untersuchung, der eine allgemeine Einführung in das Thema der Ausländerbeschäftigung während des Zweiten Weltkrieges und den Stand der Forschung vorangestellt ist, umfaßt nicht nur den ‘Arbeitseinsatz’ in Einrichtungen der Kirche und der Inneren Mission, sondern auch die medizinische Versorgung von Zwangsarbeitern in kircheneigenen Krankenhäusern, die Seelsorge evangelischer Geistlicher für Ausländer und die Betreuung derjenigen 1945 befreiten Zwangsarbeiter, die auf eigenen Wunsch nicht ‘repatriiert’ wurden und als Displaced Persons in Deutschland blieben, durch das Hilfswerk der Evangelischen Kirche.

Auch die Einrichtungen der Kirchen verloren durch die ‘Auskämmaktionen’ des Staates, besonders seit 1941, männliche und weibliche Arbeitskräfte, die zur Wehrmacht einberufen oder für andere Institutionen dienstverpflichtet wurden, und waren daher auf ausländische Ersatzkräfte angewiesen. Die Gesamtzahl der in den kirchlichen und diakonischen Einrichtungen der Rheinprovinz tätigen Ausländer kann nur geschätzt werden; im Januar 1943 waren es rund 400, während der ganzen Kriegszeit (die Fluktuation ist zu bedenken) rund 1200, von denen 478 in 69 Einrichtungen und Kirchengemeinden namentlich feststellbar waren. 52 vH dieser Personen kamen aus der Sowjetunion; die Niederlande und Frankreich stellten je 16 vH, Polen 8 vH und weitere 11 Nationen den Rest. Der Ausländeranteil an den Gesamtbelegschaften dürfte 1943 bei 5 vH gelegen haben. Die quantitativ somit nicht allzu bedeutende Ausländerbeschäftigung in den kirchlichen Einrichtungen war durch die gleichen Sachzwänge, Prioritäten und rassenideologischen Prämissen bestimmt, die auch für die Kriegswirtschaft im engeren Sinn galten.

Einsatzfelder für Zwangsarbeiter in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen waren die Landwirtschaften größerer Institutionen wie der Diakonissenanstalt in Düsseldorf-Kaiserswerth (dort gab es vorwiegend männliche Arbeitskräfte), die Hauswirtschaft in Krankenhäusern, Alters- und Kinderheimen und die Hilfsarbeiten in der Krankenpflege; die beiden letztgenannten Bereiche verfügten vor allem über junge Frauen aus der Sowjetunion. Ein vierter Bereich waren Pfarrerhaushalte mit ausländischen Hausangestellten, ebenfalls meist jungen Ostarbeiterinnen. Mit wenigen Ausnahmen gab es für Ausländer keine qualifizierten Tätigkeiten. Im Zusammenhang mit dem ‘Einsatz’ beschäftigt sich der Autor mit Fällen, in denen kirchliche Institutionen, freiwillig oder unter behördlichem Druck, als Quartiergeber für Zwangsarbeiter der Industrie, der Bauwirtschaft oder der Kommunalverwaltungen aufgetreten sind, indem sie z.B. mietweise Gemeindehäuser zur Verfügung stellten.

Bei der medizinischen Versorgung von Ausländern in Krankenhäusern wurde die Trennung von Deutschen einerseits, Polen und Ostarbeitern andererseits vom Staat erzwungen, während es bei Westarbeitern und Italienern keine ‘Apartheid’ gab; besondere Baracken, die durch die Trennung notwendig wurden, bezahlte das Reich. Die Behandlung geistig und psychisch erkrankter, im NS-Staat dadurch gleich zweifach stigmatisierter Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen untersucht Kaminsky am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt Tannenhof bei Remscheid, wo Ausländer seit 1942 - manchmal erfolgreich - therapiert wurden. Das staatliche Verbot vom Mai 1943, geistig erkrankte sowjetische und polnische Arbeiter in die Heimat zurückzubringen, überantwortete diese Patienten zunächst dem Verhungern in Sonderlagern und seit 1944 der Euthanasie. Aber schwere Schuld lag nicht allein beim Staat: Die von Platzmangel geplagten Anstalten waren bestrebt, ausländische zugunsten von deutschen Patienten und chronisch Kranke zugunsten von Akutkranken loszuwerden. Das Schicksal der im Januar 1944 vom Tannenhof abgeholten und von weiteren, insgesamt 58 geisteskranken Ausländern verliert sich im Dunkeln, denn ihr Eisenbahnwagen wurde von dem Zugteil mit deutschen Patienten auf der Fahrt zur ‘Sterbeanstalt’ Meseritz-Obrawalde abgekoppelt; das Ziel ist nicht mehr festzustellen, doch muß die Ermordung mit größter Wahrscheinlichkeit angenommen werden.

Kaminsky ist mit großer Sensibilität an seine Aufgabe gegangen und konnte deshalb neben Äußerungen und Folgen des ‘staatsoffiziellen’ Rassenwahns des nationalsozialistischen Deutschlands vielfach auch die (leicht zu übersehenden) Wirkungen eines unterschwelligen Rassismus im Denken und Handeln ‘normaler’ deutscher Kirchenangehöriger aufspüren. Er zeigt außerdem, daß auch kirchliche Institutionen, nicht anders als Wirtschaftsunternehmen, bei der Beschaffung, dem Einsatz und der Behandlung von Arbeitskräften vor allem den eigenen Nutzen verfolgten. Obwohl die rassistische Propaganda des Regimes auch in Kirche und Diakonie nicht ohne Wirkung blieb und insbesondere die Osteuropäer nur schwer von ‘nächsten Fremden’ zu ‘fremden Nächsten’ werden konnten (S. 264), kann die zentrale Frage, ob es Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen besser erging als in nichtkirchlichen Betrieben, mit Ja beantwortet werden, denn brutale Behandlung und Benachteiligungen bei der Inanspruchnahme von Luftschutzräumen sind aus den Quellen nicht erkennbar. In Haus- oder Landwirtschaften entstand leichter als in großen Industriebetrieben ein persönliches Verhältnis zwischen fremden Arbeitskräften und deutschen Vorgesetzten. Dennoch gab es neben Solidarität und Hilfe auch Fälle von ‘unwürdiger Behandlung’ und Rückführung in Sammellager bei Arbeitsunfähigkeit. Kaminsky urteilt stets vorsichtig und verallgemeinert nicht.

 

 

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