| Rezension
War die Zukunft früher besser? Visionen für das Ruhrgebiet. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Landschaftsverband Rheinland, Rheinisches Industriemuseum Oberhausen (Hrsg.) (= Schriften, Bd. 17) in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Westfälisches Industriemuseum Dortmund, dem Kommunalverband Ruhrgebiet und dem Zentrum für interdiziplinäre Ruhrgebietsforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Bottrop, Essen: P. Pomp Verlag 2000, 351 S. mit 200 s/w Abb. Rezensiert von Michael Kade, Herne War die Zukunft früher besser? Diese Frage löst bekanntlich die vielfältigsten Antworten aus und wird gern beispielhaft erläutert. Der Katalog versammelt 25 Beiträge und ist damit ein Lesebuch, das für sich Bestand hat. Die Autorinnen und Autoren gehen mit Einzelthemen und in lockerer Folge der Eingangsfrage nach, tragen Ereignisse, Planungen und Visionen zusammen, die zu ihrer Zeit außergewöhnlich waren. Die ausgewählten Beispiele sind sehr unterschiedlich: Technische Entwicklungen liessen sich verwirklichen, politische und wirtschaftliche Entscheidungen wurden getroffen, soziale Anliegen konnten erfüllt werden, aber andere Themen aus den selben Bereichen blieben Utopie. "Früher war Alles besser", diese Behauptung aus dem Privaten, meist an die jeweils jüngere Generation gerichtet, hält keiner genauen Prüfung stand. Beschönigende Erinnerung, Vergessen, Wehmut an die eigene Jugend mischen sich zu einem positiven Konglomerat, das allerdings nur im Ungefähren bestehen kann. Auch die Gegenbehauptung, früher sei alles schwieriger, härter, schlechter gewesen, trifft jeweils in Einzelbereichen zu, kann aber nicht verallgemeinert werden. Bei den Träumen, Phantasien, eben den Visionen verhält es sich anders. Sie neigen in jeder Zeit zu Übertreibungen, Einseitigkeiten und Generalisierungen, um eine Idee, ein neues Bild zu entwerfen. Ihre Kraft gewinnen sie aus der möglichst großen Spanne zwischen Realität und Vision, zwischen Gegenwart und Zukunft. Ihre Wirkung ist gerade nicht an eine Realisierbarkeit gebunden, sondern an die Überzeugungsmacht des Bildes, die die Vorstellung der Menschen elektrisiert. So sind die Reaktionen auf Visionen häufig polarisiert, Befürworter und Gegner stehen sich gegenüber. Visionen für das Ruhrgebiet gab es viele, die je nach den Zeitbedingungen sehr verschieden waren. Das Buch blickt auf einen Zeitraum von rund 200 Jahren zurück, der die gesamte Industrialisierung umfasst. Der Ausflug in die Ideengeschichte folgt keiner strengen Zeitachse, sondern reiht die Beiträge zu grundlegenden Positionen, zu Personen, Verkehrsentwicklung, Automobil, Siedlungswesen und Ruhrmetropole, zu Luft und Wasser und zum aktuellen Strukturwandel abwechslungsreich aneinander. Zwei Beiträge mit der Darstellung von Zukunftsprojektionen aus heutiger Sicht und vor 100 Jahren fungieren zugleich als Einleitung, indem sie die Spannweite zwischen beiden Jahrhunderten aufzeigen und belegen, dass Visionen meistens sehr zeitgebunden sind. Ihr Potential altert schnell. Entweder wurden sie realisiert und gehen dann in der täglichen Praxis auf, oder sie wurden von der Entwicklung überholt und muten rückblickend häufig naiv oder kurios an. Es folgen Themen des 19. Jahrhunderts. Das vorletzte Jahrhundert wird als Zeit ungetrübter Fortschrittsgläubigkeit dargestellt. In den Anwerbungshymnen an polnische Immigranten wird ein Loblied auf die wunderbaren und gesicherten Arbeits- und Lebensverhältnisse im Revier angestimmt, das nicht allein als taktische Übertreibung zu werten ist, sondern auch von einer großen Selbstgewißheit der Bergwerksgesellschaften getragen wird. Die realen Probleme durch soziale und ethnische Isolation bestanden damals trotz mancher Annehmlichkeit und sind heute wieder traurige Wirklichkeit. Die Wohnsituation war trotz einiger Mängel in der Hygiene durchaus zukunftsweisend. Von der ersten Arbeiterkolonie Eisenheim (Oberhausen Osterfeld 1846) über die zahlreichen gartenstädtischen Siedlungen bis zu den Anlagen der Reformarchitektur (Beispiel Margarethenhöhe Essen) lässt sich eine Wohnidee ableiten, die gut 100 Jahre später so wirksam war, dass sich etwa die Bewohner von Eisenheim und Flöz Dickebank, Gelsenkirchen, erfolgreich gegen den Abriss „ihrer“ Siedlung zur Wehr gesetzt haben. Für die technische Entwicklung im 19. Jahrhundert stehen an erster Stelle die Dampfmaschine und die Eisenbahn. Zu Recht wurde zum 150jährigen Jubiläum im Jahr 1997 an die erste Fernstrecke durch das Ruhrgebiet erinnert. Die Köln-Mindener Eisenbahn der gleichnamigen Gesellschaft befuhr seit 1847 das Tal der Emscher zwischen dem späteren Oberhausen und Dortmund. Die aus praktischen Erwägungen beschlossene Trassenführung hat die Nordwanderung der Industrialisierung beschleunigt. 1866 wurde in Gelsenkirchen die Zeche mit dem beredten Namen Nordstern als erste Schachtanlage nördlich der Emscher gegründet. Von diesem Entwicklungsschritt an rissen die Visionen über schnelle und moderne Verkehrsmittel nicht mehr ab. Da war beispielsweise das Projekt der Rheinisch-Westfälischen Schnellbahn zwischen Köln und Dortmund, das rund 50 Jahre lang die Diskussionen und Planungen beflügelt hat. Der Widerstand seitens der Bergwerksunternehmen wegen des Risikos von Bergschäden und der Reichsbahn gegen den lästigen Konkurrenten verhinderte eine Realisierung des zukunftsweisenden Plans. Die Entfernung sollte in sagenhaften 77 Minuten bewältigt werden. Im Vergleich ist der heutige ICE der Bahn AG mit 71 Minuten keine 10% schneller. Für das 20. Jahrhundert werden Themen aus der Zeit der großen Konzentration unter der Vereinigte Stahlwerke AG und aus der Wiederaufbauzeit nach 1945 in den Mittelpunkt gestellt. Nun bestimmt das Auto mehr und mehr die Leitplanungen. Weitere Ideen betrafen immer wieder die unterirdische Verlegung von Schiene und Straße, den Ausbau des Kanalsystems und die kommunale Gliederung, die heute wieder im Gespräch ist. Als Industrieregion wurde das Ruhrgebiet schon immer als Einheit gesehen, als Ballungsraum, bei der Politik und Verwaltung verhält es sich da anders. Drei Beiträge sind als Schlußwort der aktuellen Diskussion über die Zukunft des Ruhrgebietes gewidmet. Visionen sind mit Zeitzündern versehen, allerdings weiss man nie im voraus, ob und wann sie zünden. Manche sind kurzlebig wie Eintagsfliegen, andere werden steinalt, bevor sie zur Wirkung kommen, weitere zünden nie, sondern lagern sich ab in Schubfächern, im Vergessen. Die Auswahl an Themen und Personendarstellungen hat einen Überhang bei Technik und Verkehr. Wünschenswert wären mehr Themen aus den sozialen und kulturellen Bereichen, vielleicht in einem zweiten Band? Die Ansammlung von Erreichtem, Überholtem, Kuriosem und erstaunlich Modernem bereitet Lesevergnügen.
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