| Rezension
Rasch, Manfred;
Berendes, Hans Ulrich; Döring, Peter u.a. (Hg.): Industriefilm 1948 –
1959: Filme aus Wirtschaftsarchiven im Ruhrgebiet, Essen: Klartext Verlag
2003, 484 S., ISBN 3-89861-211-2, 29,90 Euro "Die Geschichte des deutschen Industriefilms ist noch zu schreiben". Auch sechs Jahre nach diesem Resümee von Manfred Rasch, Leiter des ThyssenKrupp-Konzernarchivs und einer der profiliertesten Kenner dieses Genres, liegt das Ziel noch in weiter Ferne. Doch ist ein gewachsenes Interesse an diesem peripheren Thema der Film- wie auch der Industrie- und Wirtschaftsgeschichte zu beobachten. So bot denn das 5. Filmkolloquium IndustrieFilm Ruhr im Oktober letzten Jahres in Essen einen adäquater Rahmen für die Präsentation einer Neuerscheinung des Klartext-Verlages zu diesem Thema. Wie schon bei dem Band von 1997 zeichnet auch hier ein Stab aus Mitarbeitern der beteiligten Wirtschaftsarchive für den Inhalt und die Herausgabe verantwortlich. Die Darstellung beschränkt sich nun zeitlich auf das erste Jahrzehnt nach der Währungsreform und inhaltlich auf eine Auswahl von über 400 Filmen aus 13 Firmenarchiven des Ruhrgebietes, deren ausführliche Dokumentation im Mittelpunkt steht und den größten Teil des Buches ausmacht. Der Begriff des Industriefilms ist vielschichtig und beinhaltet neben den Prestige- und Promotionsfilmen, die u.a. als Vorfilme im Abendprogramm der Kinos liefen, so unterschiedliche Formate wie Messe- und Jubiläumsfilme bis hin zu Schulungs- und Arbeitsschutzfilmen, die allein für den werksinternen Gebrauch vorgesehen waren. Eine exakte Definition des Begriffes "Industriefilm" ist somit schwierig und nach Auffassung des Rezensenten noch zu leisten. Ob eine Abgrenzung gegenüber den Filmen der Produktwerbung, wie sie Manfred Rasch in seinem Einführungsbeitrag vorschlägt, möglich und sinnvoll ist, wäre zu diskutieren. Leider fehlen in der Dokumentation die Hinweise auf den ursprünglichen Verwendungszusammenhang der Filme. Für ihre Beurteilung wäre es jedoch relevant, für welches Publikum und auf welche Wahrnehmungsdisposition hin sie konzipiert wurden. In den Nachkriegsjahren bot der Industriefilm vielen Filmkünstlern und -technikern ein attraktives berufliches Tätigkeitsfeld. Hier fanden Defa-Mitarbeiter, die die DDR verlassen hatten, ebenso eine neue Aufgabe wie ehemalige Filmschaffende des NS-Films, die sich für den öffentlichen Filmmarkt diskreditiert hatten. Zu letzteren gehörte Fritz Hippler, Reichsfilmdramaturg und von 1939 – 1943 Leiter der Abteilung Film im Reichspropagandaministerium, der u.a. maßgeblich für den antisemitischen Hetzfilm "Der ewige Jude" (1940) verantwortlich zeichnete. 1957 leitete er zusammen mit Alexander von Rüxleben für den Unternehmensverband Ruhrbergbau die Produktion des Prestigefilms "Feuer an der Ruhr – Werkstatt für Europa". Auf diesen Sachverhalt hingewiesen zu haben, ist eines der Verdienste dieses Buches. Die große Aufmerksamkeit, die vor allem den Prestige- und Werbefilmen in den Großunternehmen wie Krupp, Thyssen oder Mannesmann zukam, wie auch das Bemühen um eine ästhetisch hochwertige und innovative Gestaltung waren dabei nicht nur Ausdruck eines Selbstbildes des jeweiligen Unternehmens, sondern verdankten sich insbesondere einem steuerrechtlichen Umstand. Im August 1950 wurde in Wiesbaden die Filmbewertungsstelle (FBW) gegründet, deren Aufgabe es war, von ihr als außergewöhnlich erachtete Filme mit den Prädikaten "wertvoll" und "besonders wertvoll" auszuzeichnen. Nahm ein Verleiher einen so klassifizierten Film in sein Programm auf, konnte er eine deutliche Reduzierung der Vergnügungssteuer in Anspruch nehmen. Da diese Prämierungen nicht nur den Spielfilmen, sondern auch den Beiträgen des Vorprogramms verliehen wurden, hatten so bewertete Industriefilme eine gute Chance, den Weg ins Kino zu finden. Mit der allmählichen Abschaffung der Vergnügungssteuer in den späten 60er Jahren und dem Verschwinden des Vorprogramms erlahmte dann auch das Interesse der Auftraggeber aus der Wirtschaft und der Industrie an den Filmkünstlern merklich. Die Darstellung schließt mit dem Jahr 1959. Mit Spannung darf das Erscheinen des Folgebandes über die nicht weniger interessanten 60er Jahre erwartet werden. Die 6. IndustrieFilm Ruhr 2005 wäre ein guter Anlass dafür.
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