| Rezension
Fasse, Norbert; Houwink ten Cate, Johannes; Lademacher, Horst (Hrsg.): Nationalsozialistische Herrschaft und Besatzungszeit. Historische Erfahrung und Verarbeitung aus niederländischer und deutscher Sicht (Studien zur Geschichte und Kultur Nordwesteuropas, Bd. 1), Münster: Waxmann 2000, 448 S., 78 DM Rezensiert von Stefan Goch, Gelsenkirchen. In: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, H. 1, S. 76 Hervorgegangen aus einer deutsch-niederländischen Tagung vom April 1999 liefert der interessante Sammelband eine doppelt perspektivierte Auseinandersetzung mit NS-Herrschaft und Okkupation in den Niederlanden, Deutschland und dem Grenzgebiet. Auf deutscher Seite beteiligten sich an der Tagung das Zentrum für Niederlande-Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der nordrhein-westfälische Verein Historikerinnen und Historiker vor Ort, in dem sich zahlreiche Mitarbeiter von Stadtarchiven und Aktivisten der Lokal- und Regionalgeschichte organisieren. Auf niederländischer Seite traten das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation und der Bezirksarchivdienst der Regio Achterhoek als Kooperationspartner auf. Da ein solcher Sammelband ein gewisses Maß an Untergliederung braucht, wurden die Tagungsbeiträge auf vier Kapitel verteilt, deren Abgrenzung nicht gerade eindeutig zu nennen ist. Zentral ist wohl eher, daß jeweils niederländische und deutsche Sichtweisen von Grenzlage, Vorkriegszeit, Besatzungszeit, Ausbeutung der besetzten Niederlande, Verbrechen in den Niederlanden, Widerstand und schließlich Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gegeneinander gestellt wurden. Nicht immer finden sich komplementäre Beiträge, und es läßt sich auch darüber streiten, ob jeder der Beiträge unbedingt für den doppelperspektivischen Zugang zur Analyse der NS-Zeit und ihrer Folgen beiträgt. Die Beiträge sind aber fast durchgängig informativ und in den Fragestellungen und Themen innovativ. So bieten viele Aufsätze einen Einblick in die Besatzungszeit, die den Niederländern Not und Elend brachte und manches Urteil und dauerhafte Vorurteil erklärt. Von besonderem Interesse ist hier die Darstellung von Johannes Houwink ten Cate zu den Interpretationen der niederländischen Nationalgeschichtsschreibung, die in der Besetzung eine Niederlage der niederländischen Gesellschaft und ihrer Staatsordnung sieht, und der Lokal- und Regionalgeschichte, die mit ihrer Nähe zu den Akteuren Widerstand und gesellschaftliche Kontinuität stärker konturiert. Der Direktor des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation, J.C.H. Blom, schildert in seinem Überblicksbeitrag die NS-Besatzungspolitik zur Ausbeutung und Nazifizierung der Niederlande mit ihren Auswirkungen. Die einander widersprechenden Ziele der Besatzungspolitik, von denen mit dem Kriegsverlauf die Ausbeutung und die dazugehörige Repression in den Vordergrund rückten, förderte ein Zusammengehörigkeitsgefühl in den Niederlanden mit Konsequenzen bis zur Gegenwart. In einem konzentrierten Überblick nimmt Bernd-A. Rusinek die deutsche Gesellschaftsgeschichte während des "Dritten Reiches" und das deutsche Verhalten gegenüber den Niederländern in den Blick. Das Werben um die Sympathie der mit Deutschland vermeintlich kulturell und "blutmäßig" verbundenen Niederländer war angesichts der konkreten Besatzungspolitik, der Ausbeutung und der schockierenden antijüdischen Maßnahmen kaum erfolgreich, die Masse der Niederländer blieb jenseits von Widerstand und Kollaboration auf Distanz. Insbesondere in verschiedenen Lokal-, Gemeinde- und Regionalstudien (z.B. zu Doetinchem, Dormagen, Twente, Gelderland) über unterschiedliche Aspekte der Politik- und Gesellschaftsgeschichte während des "Dritten Reichs" und der Besatzungszeit werden typische Situationen und Verhaltensweisen analysiert und dargestellt. Dabei rückt Norbert Fasse für die westdeutsche Regionalgeschichte die etwas überzogene Einschätzung der Widerständigkeit des katholischen Milieus im Münsterland in zwei Beiträgen zurecht. In mehreren Beiträgen werden die Strukturen der Besatzungsherrschaft und die Durchführung der Judendeportationen beleuchtet: Christoph Spieker zur deutschen Ordnungspolizei in den Niederlanden, Bob Moore zur Ermordung der überwiegenden Mehrheit der niederländischen Juden, Johannes Houwink ten Cate zum Amsterdamer Judenrat, Aart Pontier zur Repressionspolitik in der Endphase des Krieges, Gerd Blumberg zur Beteiligung westfälischer Finanz- und Zollbehörden an antijüdischen Maßnahmen. Thematisiert wird auch der Einsatz von Niederländern als Zwangsarbeiter unter oft schlimmsten Verhältnissen. Versuche einer grenzüberschreitenden Regionalgeschichte werden am Thema Widerstand vorgenommen (Ursula Langkau-Alex, Adolf Graber/Manfred Tietz). Allerdings sind hier noch erhebliche Forschungsdefizite feststellbar. Die Überwindung nationaler Grenzen war wohl am ehesten bei internationalistischer Ideologie, also bei der Arbeiterbewegung, möglich und wurde bei der Unterstützung von Emigranten praktiziert. Die niederländische Flüchtlingspolitik wurde dagegen aus Furcht vor dem mächtigen Nachbarn zunehmend restriktiv (Dick van Galen Last, auch Volker Jakob). Abschließend beschäftigen sich verschiedene Artikel, darunter auch überarbeitete Beiträge von der Podiumsdiskussion der Tagung, wie zuvor schon ein Beitrag Horst Lademachers mit den Konsequenzen von Nationalsozialismus und Besatzung bis zur Gegenwart und widmen sich dabei insbesondere den Entwicklungen und Formen kollektiver Erinnerung und den damit verbundenen niederländisch-deutschen Verhältnissen. Auf seine Art kann der Sammelband Hoffnung machen, eine europäische Perspektive auch im Geschichtsbewußtsein und der Erinnerungskultur zu gewinnen.
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