Rezension

Weier, Michael, Schlautmann, Rainer (Hg.): Oberhausen entdecken, 7 Rundgänge und 1 Fahrradtour, Essen Klartext-Verlag 2001, ISBN
3-88474-893-9, DM 25,20

Rezensiert von Magnus Dellwig für FORUM Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, Heft 2 (Oktober 2001)

Nach Bänden über Essen und Dortmund legt der Klartext-Verlag nun seinen dritten historischen Stadtführer durch eine Ruhrgebiets-Großstadt vor. Der Band mit seinen 173 Seiten, zahlreichen Photographien, einigen Karten und Architekten-Zeichnungen folgt einer etwas anderen Konzeption als die Vergleichsbände, was allein aus der Anzahl der 18 Rundgänge für Essen und der 25 für Dortmund deutlich wird. Dies resultiert nicht allein aus der unterschiedlichen Größe der Städte, sondern auch aus ihrer unterschiedlichen Struktur: Nicht jedes als Stadtteil in Oberhausen auszumachende Wohnquartier wird wandernd entdeckt (wie z.B. Alstaden, Styrum, Dümpten, Buschhausen, Schmachtendorf, Königshardt, Klosterhardt), sondern "nur" die Stadtteilzentren der drei Stadtbezirke Alt-Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld. Hinzu treten die historische Stadt Holten im Oberhausener Nordwesten sowie die älteste Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet, das seit 1844 gebaute Eisenheim. Diese Auswahl lässt sich stadthistorisch durchaus als gelungene Schwerpunktbildung rechtfertigen; für den auswärtigen Spaziergänger allemal. Schließlich enthält der Band gleich zwei Rundgänge durch die Neue Mitte Oberhausen. Damit wird dem zentralen Projekt des Strukturwandels in Oberhausen seit Beginn der 90er Jahre Rechnung getragen.

In die einzelnen Rundgänge, 12 bis 28 Seiten lang, denen jeweils eine Übersichtskarte vorangestellt ist (Verbesserungsvorschlag: eine eingezeichnete Wegeführung), sind Erläuterungen zu herausragenden Gebäuden oder Orten von bis zu drei Seiten Länge eingebettet. Die Rundgänge vermitteln einen guten Einblick in die Entwicklung des jeweiligen Stadtteils, wobei bis auf Holten entsprechend der Oberhausener Stadtgeschichte die Entwicklung seit der Industrialisierung dominiert. Den Autoren der Einzelbeiträge sowie der Einschübe gelingt die Verknüpfung von Einzelereignissen und Orten mit der besonderen Oberhausener Entwicklungsgeschichte. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Industriestadt Oberhausen – wie keine zweite im Ruhrgebiet - quasi voraussetzungslos "in öder Heide" entstand. Dabei variert die erzählerische Qualität natürgemäss. Dass der Beitrag von Roland Günter über Eisenheim diesbezüglich aus dem Band herausragt, darf nicht überraschen - und sollte keinen der übrigen Autoren frustrieren, sondern nur zur Nachahmung anspornen.

Den womöglich schwierigsten Part hat Alexandra Stößel mit dem Rundgang durch Alt-Oberhausen übernommen. Besonders gut ist ihr die kompakte Darstellung architektonischer Highlights der Alt-Oberhausener City als einer "Hauptstadt" des deutschen Backstein-Expressionismus der Zwischenkriegszeit gelungen. Es wird deutlich, was die junge Stadt an Städtebau zu bieten hat. Indes kommen die Strukturen der Stadtentwicklung etwas kurz, womit insbesondere die erst im dritten Anlauf gelungene Standortwahl für das Verwaltungszentrum gemeint ist, und in Folge dessen ein weites, dreipoliges Stadtzentrum zwischen Rathaus, Bahnhof und Geschäftszentrum Marktstraße. Es empfiehlt sich, deutlicher herauszuarbeiten, wie dominant die Alt-Oberhausener City bis heute davon geprägt ist, die Integration dieser drei Pole zu einem integrierten Gesamt-Zentrum zu vollziehen. Die Gestaltung des öffentlichen Raums durch Parkanlagen und Plätze, vor allem zwischen Bahnhof und Rathaus als Pendant zur funktionalen Architektur der 20er Jahre, wird ebenfalls leider nur gestreift.

Die beiden Rundgänge durch die Neue Mitte Oberhausen lassen den Leser wie Spaziergänger das Alleinstellungsmerkmal des neuen ökonomischen Zentrums der Stadt erleben: Industriekultur von hoher Qualität (Gasometer) und Architektur (Hauptlagerhaus von Behrens, Werksgasthaus von Weigle) ist eingebettet in einen ebenfalls von der Industrieepoche gestalteten Landschaftsraum (Kaisergarten, Siedlung Grafenbusch, Kanal, Essener Straße) und erhält ihre touristische Ergänzung durch moderne Freizeiteinrichtungen von internationalem Niveau (CentrO., Arena). Auch ein Ausblick auf kommende Projekte fehlt nicht (Großaquarium, Themenpark O.vision). Dass diese Erläuterungen heute schon nicht mehr ganz aktuell sind, spricht nicht gegen die Autoren, sondern für das Tempo des Oberhausener Strukturwandels. So soll nun auf dem ehemaligen Stahlwerksgelände an der Osterfelder Straße gemeinsam mit der Fraunhofer-Gesellschaft ein Wissenschafts-Erlebnis-Park entstehen. Als jemand, der hauptberuflich mit dem Strukturwandel in Oberhausen beschäftigt ist, kann ich es allerdings nicht unkommentiert lassen, dass die Arbeitsplatzbilanz isoliert für das CentrO. erfolgt. Nicht 3.200, sondern rund 10.000 Arbeitsplätze sind seit 1992 in der Neuen Mitte Oberhausen entstanden, und davon nur jeder zweite im CentrO. Die übrigen sind Ergebnis der gestiegenen Standortqualität der Neuen Mitte Oberhausen als touristischem Ziel.

Die Beiträge über Osterfeld, Sterkade und Holten zeichnen sich vor allem durch Informationen über die Industriegeschichte, die Kirchenbauten und kleine Anekdoten aus. Mit zwei bis drei Stunden Länge lassen sich diese Beiträge von 15 bis 20 Seiten Umfang ebenso wie der über Eisenheim durchaus während der Spaziergänge mit kleinen Stops an den städtebaulichen Stationen lesen. Gleiches gestaltet sich für die drei Beiträge zu Alt- Oberhausen und der Neuen Mitte schwieriger. Die dabei anfallende Lektüre von 22 bis 28 Seiten lässt sich bequemer vorab studieren und nur noch ausschnittweise auf der Route in Erinnerung rufen. Der Text-Umfang der Fahrradtour mit 12 Seiten trägt dem Umstand Rechnung, dass man während der Fahrt eher weniger zum Lesen neigt als während eines Spaziergangs. Angesichts der am Norden der Besiedlung des Ballungskerns Ruhrgebiet spärlicheren Industriegeschichte kann der Leser dennoch eine Fülle an Informationen über seine Umgebung erfahren.

Das Buch "Oberhausen entdecken" ist eine ausgesprochen lesenswerte Lektüre für Oberhausener und auswärtige Besucher. Selbst in der Stadtgeschichte bewanderte Leser dürften die kompakte Darstellung zu wesentlichen Aspekten der Stadt- und Stadtteilgeschichte schätzen; für andere weckt der Band eher Appetit auf mehr. Die Schwächen in der strukturhistorischen Darstellung oder im Detail (so, dass sich z.B. auf dem Gelände des CentrO. keine Eisenhütte, sondern Stahl- und Walzwerke befanden) fallen demgegenüber insgesamt kaum ins Gewicht.

 

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