| Rezension
Grothmann, Detlef: „Verein der Vereine“? Der Volksverein für das katholische Deutschland im Spektrum des politischen und sozialen Katholizismus der Weimarer Republik, Paderborn: SH-Verlag 1997, 618 Seiten. Rezensiert von Paul Ciupke, Essen. In: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, H. 1, S. 77 Die katholische Erwachsenenbildung ist im Gefüge der milieuspezifischen Institutionalisierungsformen gerade für Rheinland und Westfalen seit Mitte des letzten Jahrhunderts von überragender Bedeutung. Im Mainstream der historischen Erwachsenenbildungsforschung, die sich in der Regel auf die Volkshochschulen und einige Heimvolkshochschulen konzentriert hat, wird sie nur beiläufig erwähnt und dargestellt. Spiegelbildlich dazu hat sich eine eigene katholisch orientierte Geschichtsschreibung etabliert, der man die alte Wagenburgmentalität und den damit verbundenen Stolz, aber auch die Eigenbrötelei immer noch ein wenig anmerkt. Die stärkere Berücksichtigung dieses wichtigen Bereiches der andragogischen Entwicklung in der historiografischen Betrachtung ist aber längst überfällig. Eine nun jüngst erschienene quellengesättigte historische Untersuchung, die sich mit dem „Volksverein für das katholische Deutschland“ in der Zeit der Weimarer Republik befaßt, ist geeignet, die Aufmerksamkeitslücke ein Stück zu schließen. Detlef Grothmann hat nicht nur neue Archivalien erschlossen, sondern erweitert auch den manchmal in Vorläuferuntersuchungen verengten institutionalen Blick auf die Beziehungen des Volksvereins zum politischen Katholizismus der Weimarer Jahre und zum Spektrum des übrigen Verbandskatholizismus. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Geschichte des 1890 gegründeten und in Mönchengladbach residierenden Volksvereins die eines unglaublichen Erfolgs: fast 800.000 Mitglieder umfaßte der Verein, er organisierte die Bildungs- und Schulungsarbeit mit Erwachsenen des katholischen Milieus, um das spezifisch katholische Bildungsdefizit zu beseitigen, und er bildete schließlich einen wesentlichen Faktor der gesellschaftlichen Integration des Katholizismus ins Kaiserreich und mobilisierte die Wählerschaft des Zentrums. In der Weimarer Zeit setzte die Phase des allmählichen Niedergangs ein bis zur Zwangsauflösung durch das NS-Regime. Diesen inneren und äußeren Zerlegungsprozess beschreibt und analysiert Grothmann in den 13 Kapiteln seiner Untersuchung. Zu den vielfältigen Ursachen dieser Entwicklung gehört zum einen, dass der Volksverein nicht mehr das gesamte Spektrum des Verbandskatholizismus und das Umfeld der Zentrumspartei vernetzen und binden konnte. Die Partei begann in der Weimarer Zeit eine eigene Bildungsarbeit zu organisieren ebenso wie der Verbandskatholizismus. In dem erweiterten Raum katholischer Bildungsaktivitäten entwickelten sich große Rivalitäten, etwa wenn der Volksverein eine eigene Frauenzeitschrift herausgab und sich damit zum Konkurrenten des Katholischen Frauenbunds Deutschlands machte. Die Versuche des Volksverein, sich die Arbeitsfelder und Aufgaben anderer Verbände anzueignen und neue Themen zu besetzen, scheiterten aber mehr oder weniger. Zudem hatte sich bereits zu Anfang der Weimarer Republik unter Mitwirkung des Volksvereins der Zentralbildungsausschuß der katholischen Verbände Deutschlands konstituiert, der - als Gegentendenz auch zum weltanschaulichen Neutralismus der intensiven Volksbildung - die bewußt milieu- und konfessionsbezogene Sammlung und Behauptung der verschiedenen katholischen mit Erwachsenenbildung befaßten Einrichtungen betrieb und auch bald Aufgaben der öffentlichen Interessenvertretung übernahm. Insbesonders konnte der Zentralbildungsausschuß sich in Finanzfragen zu dem entscheidenden Ansprechpartner des Staates machen, außerdem besaß er offenbar das engere Verhältnis zum Episkopat. Es half letztendlich wenig gegen den anhaltenden Bedeutungsverlust, dass der Volksverein sich Ende 20er Jahre - entgegen seiner bisherigen Grundauffassungen - der katholischen Aktion anschloß, welche die auseinanderdriftenden Verbände und Laienorganisationen wieder enger an den Klerus binden und das Milieu stabilisieren wollte, und dass er den Kampf gegen „Kulturbolschewismus“ und „Radikalismus“ intensivierte. Ebenso entscheidend für die Schwächung des Volksvereins waren aber innere Faktoren, dazu zählten der Mitgliederrückgang seit 1922 und große finanzielle Probleme, der Zusammenbruch konnte 1928 nur durch die Hilfe der Bischöfe abgewehrt werden. Aber Grothmann kann auch zeigen, dass der Volksverein letztlich keine angemessene Position zwischen Weimarer Demokratie, katholischer Kirche und den neuen Ansprüchen an eine professionelle Erwachsenenbildung gewinnen konnte. Der Niedergang ist ein Lehrstück über die politischen, milieu- und trägerbezogenen Erwartungen und Anforderungen, die ein institutioneller Zusammenhang balancieren muß, und die daraus resultierenden Probleme. Im Kaiserreich schien alles noch klar und übersichtlich, in der Demokratie wurden aber viele Parallelströmungen im Volksverein selber deutlich. Es gab Stimmen, die sich unverkennbar zur demokratischen Teilhabe positiv äußerten, aber auch manche Repräsentanten, die einem organischen Volksverständnis und irrationalem Gemeinschaftsgeist huldigten. Führende Vertreter wie Anton Heinen arbeiteten im Hohenrodter Bund mit und favorisierten eine in ihren Ansprüchen überhöhte und im feierlichen Ton vorgetragene Gemeinschaftsbildung. Die pragmatische politische und soziale Bildungsarbeit wurde den Verbänden und dem Zentrum überlassen, die diese durchaus erfolgreich praktizierten. Die von Heinen und anderen bevorzugte Bildungsökumene, in der durchaus beachtliche pädagogische Professionalisierungsmerkmale artikuliert wurden, fand in der Amtskirche und auch unter vielen überzeugten Katholiken zu diesem Zeitpunkt weniger Widerhall, man setzte hier auf die traditionelle milieureproduzierende Funktionalität der Bildungsarbeit. So saßen zunächst die alten Repräsentanten des Volksvereins wie Heinen und Pieper und schließlich der Volksverein insgesamt immer mehr zwischen den Stühlen. Dass der Volksverein nach 1945 nicht wiedergegründet wurde, hat gewiß auch damit zu tun, dass er bereits vor 1933 in großen Teilen sich überlebt hatte. Detlef Grothmanns Studie fehlt manchmal der interessierte Seitenblick auf die anderen institutionalisierten Sektoren der Erwachsenenbildung in der Weimarer Zeit, sein Focus beschränkt sich auf die allgemeine Genese des politischen und sozialen Katholizismus. Positiv zu vermerken ist die Ergänzung der Darstellung durch Bilder, Dokumente, Statistiken und ein Register Erscheint in: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2001, Nr 1
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